zur Navigation zum Inhalt
 
Pflege 6. November 2008

Inkontinenz-Zentren

Wie ein Gütesiegel die Patientenversorgung verbessern könnte.

Etwa eine Million Österreicher leidet an einer Blasen- oder einer Darmschwäche. Bei der Qualität der medizinischen Versorgung werden Mankos geortet.

 

„Nicht einmal jeder zweite von Inkontinenz Betroffene erhält eine adäquate medizinische Unterstützung“, kritisiert der Urologe Prof. Dr. Helmut Madersbacher, Vorsitzender der „Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich“ (MKÖ). Bei komplexen Fällen müsste interdisziplinär gearbeitet werden. Ärzteteams aus den Fächern Gynäkologie, Urologie oder Chirurgie sowie speziell geschultes Pflegepersonal wie Physiotherapeuten und Psychologen müssten zusammenarbeiten. Einzubinden wären auch der Hausarzt, ambulante Pflegedienste, Reha-Einrichtungen und Selbsthilfegruppen. Madersbacher begrüßt, dass in den vergangenen Jahren Zentren für die Behandlung von Menschen mit Inkontinenz entstanden sind. Allerdings: „Inkontinenz-“‚ oder „Beckenbodenzentrum“ sind keine geschützten Begriffe.

Gesicherte Qualität

„Inkontinenzversorgung braucht Qualitätssicherung“, so Madersbacher. Um die nötige Qualität bei der Betreuung der kontinuierlich anwachsenden Patientengruppe sicherzustellen, bietet die MKÖ an, spezialisierte Behandlungszentren zu zertifizieren. Die Voraussetzungen: Sie müssen Aufklärungs- und Informationsarbeit über Vorbeugung, Therapiemöglichkeiten und Alltagsbewältigung leisten, sollten Weiterbildungsveranstaltungen durchführen und wissenschaftliches Arbeiten fördern. Die Zusammenarbeit von mindestens fünf Disziplinen soll etwa durch einen Koordinator und regelmäßige Teamtreffen sichergestellt werden. Weiters nötig wären eine Spezialausbildung für die involvierten Personen sowie eine entsprechende Ausstattung mit Geräten.

„Das Zertifikat sollte drei Jahre lang gültig sein. Betroffenen wird damit die mühsame und oft auch peinliche Suche nach einem spezialisierten Facharzt sowie der Zugang zu einer qualifizierten Betreuung erleichtert“, erzählt Madersbacher. Das Zertifikat wäre auch ein wichtiger Beitrag, das noch immer bestehende Tabu Inkontinenz zu brechen, das viel zu oft hinderlich für eine adäquate Diagnostik und Behandlung ist.

Die MKÖ möchte zudem ein Gütesiegel für den Bereich der medizinischen Produkte schaffen, weil es große qualitative Unterschiede gäbe. Die gängigsten Hilfsmittel sollen nach Überprüfung bewertet werden.

Die Forderung nach einheitlichen Standards sei berechtigt, weiß Prim. Dr. Rudolf Leikermoser, Leiter der Gynäkologie am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz. In diesem Krankenhaus wurde bereits ein multidisziplinäres „Zentrum für Inkontinenz und Beckenboden“ eröffnet.

Strapazierter Begriff

Der Begriff Inkontinenz-Zentrum würde in einigen Bereichen allerdings überstrapaziert. „Eine Zertifizierung sollte nach bewährten Kriterien erfolgen, wie sie etwa bei einer Zertifizierung nach ISO-Norm (Internationale Organisation für Normung) gelten“, unterstreicht Leikermoser. Ähnliches gelte auch für den Bereich der medizinischen Produkte für Menschen mit Inkontinenz. „Ein Gütesiegel wäre sicherlich hilfreich und wichtig – aber auch dieses müsste von unabhängiger Stelle erstellt und laufend überwacht werden“, fordert Leikermoser.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben