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Pflege 24. Oktober 2006

Probate Konzepte bei Alzheimer-Demenz

Die Behandlungsoptionen bei Demenz umfassen generell drei Bereiche: die Betreuung und Schulung von Angehörigen, die medikamentöse Therapie sowie das Training und die neuropsychologische Rehabilitation.

In Österreich werden drei Viertel aller Demenzkranken von ihren Angehörigen betreut. Demgegen-über zeichnet sich ein Trend hin zur vermehrten Inanspruchnahme professioneller Pflegeeinrichtungen ab. Um eine möglichst lange Betreuung der Patienten in ihrer gewohnten Umgebung zu ermöglichen, müssen von Anfang an auch die Angehörigen bzw. Partner der Betroffenen in einen integrierten Behandlungsplan mit eingeschlossen werden. „Sie sind einerseits eine wichtige Informationsquelle für den Erkrankungsverlauf, die Ausprägung spezifischer Symptome und das zeitliche Erkrankungsprofil“, betont Prim. Dr. Andreas Winkler, Leiter der Abt. für Neurologische Geriatrie und Rehabilitation im geriatrischen Pflegekrankenhaus Haus der Barmherzigkeit in Wien 16. „Sie können wertvolle Hinweise über das Auftreten von Verhaltensstörungen geben und aus erster Hand über die Wirksamkeit therapeutisch-medikamentöser Interventionen bzw. auftretender Nebenwirkungen berichten.“ In den frühen Demenzstadien sind die einfühlsame Aufklärung der Angehörigen über die vorliegende Erkrankung, deren Verlauf und die Prognose besonders wichtig. In den mittleren und fortgeschrittenen Stadien müssen sie lernen, eigene Ressourcen zu planen, Hilfe anzunehmen und mit Verhaltensstörungen umzugehen. Einen wichtigen Beitrag dazu kann die Einbindung in Angehörigen- und Selbsthilfegruppen bedeuten. Hier können unter anderem spezielle Verhaltensregeln für den Umgang mit dem erkrankten Partner, die Planung des Tagesablaufes, Pflegetechniken, Gestaltung der Wohnräume, wie auch Informationen über rechtliche und wirtschaftliche Vorkehrungen eingeholt werden.

Medikamentöse Optionen

Für die medikamentöse Therapie der leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz (AD) stehen heute die Acetylcholinesterasehemmer Donepezil (Aricept®), Galantamin (Reminyl retard®) und Rivastigmin (Exelon)® zur Verfügung. In der Indikation der moderaten und schweren AD (MMS unter 20) besitzt der NMDA-Rezeptor-Antagonist Memantin (Ebixa®, Axura®) eine Zulassung. Auch der AchE-Hemmer Donepezil konnte in rezenten Studien seine Wirksamkeit bei der Behandlung der schweren Demenz (MMS unter 10) nachweisen. „Für alle Substanzen wurde in großen randomisierten, doppelblinden kontrollierten Studien ein verlangsamender Effekt auf den Krankheitsverlauf im Ausmaß von ein bis eineinhalb Jahren nachgewiesen“, so Winkler. Neben der Wirksamkeit auf kognitive Symptome zeigen die Medikamente eine Verbesserung der Alltagskompetenz und des globalen klinischen Eindrucks. Mitunter kann sogar die Notwendigkeit der Aufnahme in eine stationäre Betreuungseinrichtung hinausgezögert werden.

Langzeittherapie anstreben

Unter der Voraussetzung, dass es zu einem Ansprechen kommt, sollten die Medikamente in Form einer Langzeittherapie gegeben werden. „Für den Fall nicht tolerierbarer Nebenwirkungen oder eines ausbleibenden Therapieerfolges unter einem AchE-Hemmer kann der Wechsel auf einen anderen Vertreter aus dieser Substanzklasse versucht werden“, empfiehlt Winkler. „Ein Absetzen eines AchE-Hemmers bei primärer Wirksamkeit und Fortschreiten der Erkrankung (MMS unter 10) scheint aus heutiger Sicht nicht gerechtfertigt.“ Im Verlauf von Demenzerkrankungen kommt es in regelmäßigen Abständen zu begleitenden Verhaltensstörungen, aggressiven Zustandsbildern und Schlafstörungen, aber auch zu psychotischen Episoden mit selbst- oder fremd-gefährdendem Verhalten (BPSD = Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia). In diesen Fällen ist eine adäquate Therapie oft unumgänglich. Antipsychotika, vor allem atypische Neuroleptika, haben hier einen besonderen Stellenwert. „In Österreich besitzt derzeit nur Risperidon (Risperdal®) eine ausdrückliche Zulassung für die Behandlung von BPSD“, betont Winkler. „Dennoch sollte der Einsatz von Neuroleptika nur nach strenger Indikationsstellung erfolgen, da sie mit einem erhöhten Risiko für zerebro-vaskuläre Ereignisse behaftet sind.“ Dieses Risiko finde sich zumindest in gleichem Ausmaß auch bei Vertretern aus der Gruppe der klassischen Neuroleptika, z.B. Haloperidol. „Ein Zurückgreifen auf diese Substanzen ist vor allem auch in Hinblick auf das geringere Risiko für extrapyramidal-motorische Nebenwirkungen nicht gerechtfertigt“, so Winkler.

Auf Depressionen achten

Zur Behandlung einer Depression sollte bei geriatrischen Patienten immer auf das Medikamenten-Interaktions- und Nebenwirkungsprofil Bedacht genommen werden. Hier bieten sich Substanzen aus der Gruppe der SSRI (z.B. Escitalopram, Sertralin) oder Antidepressiva mit einem dualen Wirkmechanismus (z.B. Mirtazepin) an. „Neben den so genannten Mood-Stabilizern, zumeist Vertretern aus der Gruppe der Antiepileptika, können auch Tranquilizer/Anxiolytika (z.B. Oxazepam, Lorazepam) eine sinnvolle Therapieoption darstellen“, erklärt Winkler. Der Einsatz jeglicher Psychopharmaka bei Demenzpatienten muss regelmäßig, zumindest alle vier bis acht Wochen kritisch hinterfragt werden, bei fehlender Indikation sind sie abzusetzen. „Zu beachten ist“, so Winkler, „dass infolge der Therapie anderer Begleiterkrankungen oft Medikamente zum Einsatz kommen, die zu einer kognitiven Zustandsverschlechterung bis hin zu deliranten Zustandsbildern führen können.“ Hier seien z.B. anticholinerg wirksame Medikamente zur Behandlung einer Inkontinenz, Beta-Blocker, Schleifendiuretika, Antihistami-nika, trizyklische Antidepressiva, vorwiegend sedierende, klassische Neuroleptika, aber auch Parasympatholytika oder Protonenpumpenhemmer zu nennen.

Veranstaltungs-Tipp: „Symposium
Alzheimer“ für Ärzte und Fachkräfte beim
1. Wiener Alzheimertag, 3. November 2006,
8 bis 13 Uhr, Ort: Nord-Buffet im Wiener Rathaus (siehe Seite 24)

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