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© picture alliance / Martin Steiger
Otto Schenk und sein deutlich jüngerer Freund Michael Niavarani. „Es war „wie bei der Mafia.“
 
Pflege 10. November 2015

Freundschaft ist ...

... wenn man über das selbe lachen kann. Vielleicht leiden Frauen mit Demenz deshalb unter Einsamkeit.

Was haben die Alterspsychiaterin Kathrin Jetzl und der Schauspieler Otto Schenk über das Alter und seine Folgeerscheinungen herausgefunden? Die eine über einen wissenschaftlichen Fragekatalog, der andere durch Jahrzehnte an der Lebensschule namens Theater: die Inklusion von alten und betagten Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ist wichtig. In Schenks Worten: Es gibt ein Grundrecht auf Zärtlichkeit bis zuletzt.

Es gibt Menschen, die einen schon das ganze Leben begleiten und von denen man nicht glauben will, dass sie irgendwann nicht mehr da sein könnten, eben weil sie ja immer schon da waren: Queen Elizabeth II., Heinz Fischer, Hugo Portisch. Auch Dagmar Koller, die an einem dieser sonnigen Novembertage mit blau getönter Sonnenbrille durch die Operngasse schlendert. Koller ist, Zufall oder nicht, allein unterwegs. So wie Otto Schenk, der an diesem Nachmittag durch das Hofburg-Foyer schlurft und sich ins Lederfauteuil fallen lässt. „Auftritt des schon etwas Geriatrischen.“ Es ist Schenks erstes Bonmot.

Die Sucht nach Jugend

Der Mime ist Stargast beim Senecura Forum „Einsamkeit im Alter“. Sogar die starken Raucher schaffen es, eine halbe Stunde lang still zu sitzen. Sie hängen an den Lippen des Theatermanns, der gerade über seine Dritten spricht. Schenk ist 85 und hat naturgemäß etliche Weggefährten verloren, zuletzt den Lohner. Doch er hat heuer einen neuen Freund gefunden: den Niavarani. Die Zeit war reif, denn „die Sucht nach Alter hat sich gewandelt wie alle tot waren. Ich habe jetzt eine Sucht nach jungen Menschen“, sagt er.

Will man es wissenschaftlich ausdrücken, dann ist Freundschaft „ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, welches sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet. Einflussfaktoren stellen Gesundheitszustand (Seh- und Hörvermögen, Demenz, körperliche Bewegungsfähigkeit), Lebenszufriedenheit, physische Nähe, Bildung, Einkommen, Vereinszugehörigkeit, Familienstatus und Geschlecht dar.“ Das sagt Dr. Kathrin Jetzl, die an der Abteilung für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie des LKH Graz Süd-West tätig ist.

Vieles an dem Befund könnte Schenk wohl unterschreiben, er würde es aber anders ausdrücken. Im Alter, sagt der Schauspieler und Regisseur, „eröffnen sich neue Gebiete. Das Gebiet der Zärtlichkeit zum Beispiel wird unbeschreiblich wichtig im Alter, jeder Handgriff, den man macht und jede Berührung mit einem Menschen, den man gern hat, kriegt etwas Zauberhaftes, etwas Magisches.“

Noch einmal Jetzl: „Freundschaftliche Beziehungen werden durch physische Attraktivität, Ähnlichkeit, reziproke Zuneigung und physische Nähe beziehungsweise Verfügbarkeit von Kontakten gefördert.“ Schenks innige Beziehung zu seiner Frau ( „Sie schmeckt so gut“) hält ihn aufrecht, die öffentlich bekundete Freundschaft zum Kabarettisten Niavarani, dessen Laudator er bei der Nestroy-Preisverleihung war, belebt die Sinne („Wie bei der Mafia, wo man sich auf den ersten Blick versteht und weiß, der kommt von der selben Mafia, haben wir uns ineinander verliebt“).

Zum Thema Freundschaft im Alter – wir wechseln wieder in die Sprache der Medizin – wurde eine Befindlichkeitserhebung an Jetzls Abteilung durchgeführt, wobei der Fokus vor allem auf das Thema „Demenz und Einsamkeit“ gelegt wurde. Zu diesem Zweck erfolgte eine empirische Erhebung an 90 Personen über 65 Jahren, wobei drei Gruppen von älteren Menschen fokussiert wurden. Gruppe A umfasste 30 stationäre Patienten mit der Diagnose „rezidivierend depressive Störung“, Gruppe B 30 stationäre Patienten mit der Diagnose „Demenz vom Alzheimertyp (MMSE Score von mindestens 19 Punkten)“ und Gruppe 30 30 physisch gesunde Senioren mit unauffälligem psychiatrischen Status und unauffälligem MMSE Score, schreibt Jetzl.

Die Befragung erfolgte in allen Fällen in Form eines persönlichen Interviews, wobei dafür ein eigener Fragebogen mit insgesamt 20 Fragen erarbeitet wurde, welcher in drei Teile gegliedert war: demografische Daten, Fragen zur Befindlichkeit, Fragen zu Freundschaften.

Folgende Fragestellung wollten die Forscher damit beantworten:

• Beeinflusst psychische Erkrankung Freundschaften im Alter?

• Gibt es diesbezüglich Unterschiede zwischen an Demenz und an Depression Erkrankten?

• Zählen an Alzheimerdemenz erkrankte Frauen zu der einsamsten Gruppe der Befragten?

• Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?

Da sich aus der Befragung eine sehr umfassende Auswertung ergab, können hier nur einige Aspekte der Ergebnisse dargestellt werden:

Befragte ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen haben deutlich mehr Freunde als die beiden anderen Gruppen. Keine einzige Person dieser Gruppe gibt an, keine Freunde zu haben, lediglich drei Prozent sagen nur einen Freund zu haben.

Bei Patienten mit Depression ist die Verteilung auf die verschiedenen Kategorien (keine bis mehr als fünf Freunde) in etwa ausgeglichen, die dementen Patienten haben deutlich weniger Freunde. Bei ihnen gibt fast jeder Zweite an, keinen einzigen Freund zu haben.

Die obenstehende Abbildung fragt nach den Unterschieden des Einsamkeitsgefühls nach Geschlecht und Gruppe. Für die direkte Frage nach der Einsamkeit wurden alle sechs Teilgruppen der Kombination aus Geschlecht und Gruppenzugehörigkeit varianzanalytisch verglichen, also auch die Männer und Frauen aus der Gruppe „gesund“. In der Abbildung ist zu erkennen, dass Frauen mit Demenz tatsächlich am meisten unter Einsamkeit leiden.

Jetzl geht dann noch auf die einzelnen Fragen im Detail ein. Auf die Frage, ob psychische Erkrankungen Freundschaften im Alter beeinflussen, meint sie, dass diese sich negativ auswirken. Sowohl was die Anzahl der Freunde betrifft als auch die Intensität und Qualität der freundschaftlichen Beziehungen. Die deutlichsten Unterschiede zeigten sich bei der Anzahl der Freunde.

Aus Mangel an Freunden

Fragt man nach den Unterschieden zwischen dementen und depressiven Menschen, zeigt sich, dass Menschen mit einer Demenzerkrankung deutlich weniger Freunde haben als depressive Menschen. Demenzerkrankte Patienten konnten im Schnitt deutlich weniger oft über persönliche Ängste und Sorgen sprechen als Patienten, die unter Depressionen leiden.

Auf die Frage, ob an Alzheimerdemenz erkrankte Freuen zu der einsamsten Gruppe der Befragten zählen, lautet die Antwort: Der Tendenz nach kann die Vermutung bestätigt werden. Statistisch signifikante Unterschiede ergaben sich jedoch nur mit den gesunden Frauen und Männern und nicht mit den depressiven Personen bzw. dementen Männern. Und zuletzt: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich freundschaftlicher Beziehungen? Solche seien bei Menschen mit psychischer Beeinträchtigung aus den vorliegenden Daten nicht ableitbar, sagt Jetzl. Möglicherweise gebe es prämorbide Persönlichkeitsfaktoren bei Patienten mit Demenz, welche der Aufrechterhaltung einer Freundschaft abträglich seine.

Für die Praxis bedeute dies: Die Lebensqualität von demenzerkrankten Patienten werde nicht nur durch somatische und / oder psychische Symptomatik beeinflusst, sondern überdies durch die Gefahr der sozialen Isolation. Wichtig sei daher eine gesellschaftliche Inklusion von alten und hochaltrigen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung.

Szenenwechsel. Schenk, der nach wie vor 100 Auftritte im Jahr absolviert, gibt seine Definition von Freundschaft: „Ein Schwammerlsucher, der einen Pilz findet, empfindet das als Wunder. Und genauso ist es ein Wunder, wenn plötzlich Freundschaft aufleuchtet. Da gibt es kleine Zeichen dafür. Das selbe schmecken, über das selbe lachen, plötzlich traurig werden, wenn der andere traurig wird. Da entsteht etwas und das ist generationsunabhängig.“

Über die Angst vor dem Alleinsein im Allgemeinen und die Furcht, er könnte seine Frau verlieren im Speziellen: „Wenn man da so nachdenkt, wer, was, du, ich, da wird man wahnsinnig.“

Neue Technologien, in Schenks Diktion: „Spielzeuge, die man nicht so ernst nehmen darf“, können im Alter eine wichtige Verbindung nach außen sein. Der Opern-Regisseur und Theaterdirektor im Ruhestand nutzt iPhone und Tablet, „man muss damit herumtun wie mit einem Kreuzworträtsel, was ich derwisch ist gut und ich schmeiß es nicht gleich an die Wand, obwohl man es ständig machen möchte.“ An Werbung, die alte Menschen neuerdings als fit, modern und erfolgreich verkauft, könne er sich „gar nicht sattekeln“.

Schenk fällt zum Thema Einsamkeit etwas ein: „Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder man genießt diese Einsamkeit ein bissl. Es ist etwas Ruhe eingekehrt, ich muss mich nicht mehr aufregen, ich kann mich an ganz kleinen Dingen freuen. Oder man hat das Glück, dass man jemanden findet, der diese Einsamkeit mit einem teilt und ich wünsche jedem älteren Menschen, dass das ein jüngerer Mensch sein könnte. Das Miteinanderverkehren im Altersheim ist nicht das, was befriedigt. Befriedigend ist nur, wenn es noch jemanden gibt, der sich auch noch interessiert.“

Der vorzeitige Ruhm

Das letzte Bonmot an diesem Nachmittag ist ein Schwank, den Schenk häufig erzählt, den er aber live so präsentiert, als ob es ihm gerade passiert wäre: „Sie schauen einem ähnlich. So ähnlich. Wie aus dem Gesicht gerissen. Dem Otto Schenk. Ein wunderbarer Schauspieler. Auch schon tot.“ Das Publikum lacht lauthals. Und verdrängt die Gedanken an das eigene Ende. Genau so wie es beabsichtigt war.

Unterschied des Einsamkeitsgefühls

Martin Burger, Ärzte Woche 46/2015

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