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Pflege 21. April 2015

Rückblick in die Zukunft

Der Weg der Emanzipation der Pflege

Der Beruf der Gesundheits- und Krankenpflege hat sich in den vergangenen 20 Jahren im österreichischen Gesundheitswesen zunehmend als eigenständiger Beruf mit hohem Professionalisierungsgrad etabliert. Pflege ist nicht mehr ausschließlich „medizinischer Hilfsberuf“, sondern hat sich zur gleichberechtigten Partnerin im Gesundheitswesen weiterentwickelt. Dieser Weg war ein steiniger mit vielen Hindernissen und Hürden, und er ist es nach wie vor ...

procare feiert heuer sein 20jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurde ich als langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von procare gebeten, einen Blick zurück zu machen auf diese 20 Jahre: Was hat sich verändert im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege und wo steht sie heute? Diese Beschäftigung mit der Vergangenheit führt auch zur Frage, was für die Zukunft wichtig ist.

Der Weg der Emanzipation der Pflege und das dadurch entstandene Selbstbewusstsein der Pflegenden haben mit Inkrafttreten des neuen Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes im Jahr 1997 forciert begonnen. Es verankerte erstmals die Dokumentationspflicht, die eigenverantwortliche Diagnostik, die Planung und die Organisation aller pflegerischen Maßnahmen, die Gesundheitsförderung und -beratung im Rahmen der Pflege und die Pflegeforschung. Außerdem wurde die gesamte pflegerische Tätigkeit unter die Verantwortung der Pflegenden gestellt. Die Umsetzung dieses Gesetzes, um das wir aufgrund der dezidierten Beschreibung des Berufsumfanges jahrelang europaweit beneidet wurden, war und ist nicht immer einfach. So hat es in der Berufsgruppe selbst z.B. immer wieder Diskussionen gegeben über die gesetzlich verankerte Letztverantwortung für die eigene Tätigkeit. Daher ist dies in vielen Bereichen, vor allem im mitverantwortlichen Tätigkeitsbereich, bis heute nicht komplett vollzogen.

Trotzdem konnten viele für die Pflege maßgebliche Entwicklungen eingeleitet werden, da Pflegepersonen prinzipiell hoch motiviert, kreativ, flexibel und gut organisiert sind (wenngleich ihnen Jammern auf hohem Niveau nicht ganz fremd ist!). Im Detail wurden daher in den vergangenen Jahren Pflegekonzepte und Pflegemodelle erarbeitet und umgesetzt. Ebenso konnte durch die Einführung der Pflegedokumentation die Qualitätssicherung vorangetrieben werden.

Die Qualitätsarbeit im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege führte zu einer Verbesserung der Struktur- und Prozessqualität insgesamt, unter anderem durch die Anwendung von Standards und Leitlinien. Dies vor allem durch die Etablierung von Personalplanungsmethoden und Maßnahmen zur Personalentwicklung (forcierte Fort- und Weiterbildung) sowie später durch Angebote im Rahmen der Gesundheitsförderung.

Die gezielte Auswertung der Pflegedokumentation und die Einführung von Patientenbefragungen stellten und stellen die Ergebnisqualität sicher. Allerdings waren alle diese Entwicklungen vorerst auf den stationären Bereich ausgerichtet. Im ambulanten Sektor fingen die Reformen im Bereich der Pflege zeitlich verzögert an, dies unter anderem auch bedingt durch mangelnde Transparenz bei der Finanzierung. Die Herausforderungen der nächsten Jahre (und erste gute Ansätze dazu gibt es bereits!) werden sein, verstärkt differenzierte Pflege- und Betreuungsangebote, wie etwa bedarfsdeckende Hauskrankenpflege und Primary Health Care, zu schaffen und die bereits politisch beschlossene integrierte Versorgung unter Einschluss der Gesundheits- und Krankenpflege zu etablieren.

Ebenso ist eine im Berufsgesetz festgeschriebene Erweiterung des Berufsbildes im Sinne von Gesundheitspflege und Prävention voran zu treiben. Einige der wichtigsten Gesundheitsziele, die politisch immer wieder als Grundlage für Reformen genannt werden, sind:

■  Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken
■  die gesunden Lebensjahre der Bevölkerung zu erhöhen
■  sowie die Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt zu stärken.

Die Umsetzung dieser Ziele ist auch eine große Chance für die Pflegegeberufe und dadurch für ihre Weiterentwicklung.

2006 war dem Österreichischen Pflegebericht (Winkler et. al. 2006) zu entnehmen, dass alle alles machen, d.h. wenig Unterschied in der Tätigkeitswahrnehmung zwischen dem gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege (DGKP), der Pflegehilfe (PH) sowie der Altenfachbetreuung (AFB) existierte und die Letztverantwortung im individuellen Pflegeprozess bis dahin nicht geklärt war" (1). Ausgehend von diesem Bericht hat in den vergangenen Jahren zwar die Schärfung des Berufsbildes begonnen, eine Verstärkung des beruflichen Selbstverständ-nisses im Rahmen der professionellen Pflege ist aber weiterhin voranzutreiben. Der Berufsschutz in Richtung Vorbehaltstätigkeiten ist ein wesentlicher Aspekt im Rahmen der Strategie der Profession. Dies auch unter Berücksichtigung der Entwicklung anderer Berufsfelder in den Gesundheits- und Sozialberufen.

Zur immer wiederkehrenden Frage „Emanzipation der Pflege von der Medizin" geht es darum, eine gleichberechtigte Partnerschaft auch im Sinne der Patientenorientierung aufrecht zu erhalten. Die besondere Herausforderung im Sinne einer gut funktionierenden Zusammenarbeit wird sein, diese aufgrund von gesellschaftlichen und gesundheitspoliti-schen Bedarfslagen zu gestalten – und nicht nur nach berufspolitischen Motiven. Die positiven Entwicklungen, die es bereits gibt, gehören weiterhin unterstützt und gefördert.

Weiterentwicklung der Ausbildung

Die erforderliche Weiterentwicklung des Pflegeberufes muss Hand in Hand mit der Weiterentwicklung der Ausbildung gehen. Hier ist auf die unrühmliche Diskussion der vergangenen Jahrzehnte zwischen den Pflegepersonen, den Berufsverbänden und den politisch Verantwortlichen im Bund und in den Ländern über eine notwendige Reform der Ausbildung der Gesundheits- und Krankenpflege hinzuweisen. Diese hat vor allem zu zwei Ergebnissen geführt.

Erstens, dass wir bei der Ausbildung des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege gemeinsam mit Deutschland Schlusslichter in Europa sind, sowie zweitens, dass es derzeit eine „Vielfalt der Angebote" im Bereich der sogenannten Akademisierung der Pflege gibt. Eine Harmonisierung und eindeutige Systematik bei der Pflegeausbildung sind unabdingbare Forderungen. Im Rahmen der geplanten Reform muss klar ersichtlich sein, dass die Ausbildung des diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonals nicht zum Selbstzweck und nicht rein der Akademisierung wegen geändert werden muss, sondern dass dies aus Qualitätsgründen und aufgrund der steigenden Anforderungen sowie der Zunahme der Spezialisierungen im Gesundheitsbereich notwendig ist.

Um es zusammenzufassen, sind für die noch stärkere Professionalisierung und die damit verbundene erforderliche Ausbildung im tertiären Bildungsbereich folgende Gründe maßgebend:

■  Die demographischen Entwicklungen sowie Fortschritte in Medizin und Pflege zeigen einen steigenden Bedarf an Pflege von chronisch kranken und von alten Menschen auf der Grundlage einer spezialisierten Fachpflege;
■  die Qualität der Arbeit im Gesundheits- und Pflegebereich sowie der Anspruch der Bevölkerung haben sich stark in Richtung einer individuellen Betreuung verändert;
■  vor allem im ambulanten Bereich sind neue integrierte Pflegekonzepte anzubieten, die von der Pflege ebenfalls eine hohe Professionalität erfordern;
■  letztendlich ist es dringend erforderlich, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, um das notwendige Personal zu gewinnen.

Nach mehr als 20 Jahren der Forderung nach einer zeitgemäßen Ausbildung und der Diskussion darüber, scheint jetzt nach einem einstimmigen Beschluss der Landesgesundheitskonferenz im Rahmen der Gesundheitsreform ein (berufs-)politischer Durchbruch auch zur Ausbildungsreform kurz vor der Umsetzung zu stehen. Jedenfalls ist daran gedacht, die Ausbildung des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege auf Fachhochschulniveau anzusiedeln und ein erweitertes Tätigkeitsprofil gesetzlich zu verankern.

Für die Unterstützung des gehobenen Dienstes der Gesundheits- und Krankenpflege ist an ein zweistufiges Modell (Pflegehilfe, Pflegegeassistenz) gedacht. Dies wird sicher noch zu einigen Diskussionen im Rahmen der Begutachtung führen. Ein essentieller und wichtiger Punkt für eine Qualitätsverbesserung, vor allem im ambulanten Bereich im Sinne der Patientenorientierung und der Verringerung des Verwaltungsaufwandes, nämlich die Verordnungsmöglichkeit von Pflegebehelfen sowie von Heil- und Hilfsmitteln durch das diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonal, ist unverständlicher Weise trotz vieler Gespräche im Gesundheitsministerium mit Ärztekammer und Sozialversicherungsträgern noch immer offen!!!

Arbeitsschwerpunkte der Zukunft

Wesentliche Arbeitsschwerpunkte in der Zukunft werden sein, die erforderlichen Fachkarrieren im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege aufgrund der zunehmenden Spezialisierungen im Bereich der Akutkrankenpflege als auch im Bereich der Langzeitpflege sicher zu stellen, neue notwendige Versorgungseinrichtungen, wie Family Health Care und Public Health Care, auch für Pflegeberufe zugängig zu machen sowie die Forschung in der Pflege voranzutreiben.

Aufgrund des steigenden Bedarfs an Pflegeleistungen wird es besonders wichtig sein, die Attraktivität des Pflegeberufes zu erhöhen, um einerseits interessierte Personen neu für diesen Beruf zu gewinnen, sowie andererseits für bereits im Beruf stehende die Berufsverweildauer, auch durch Gesundheitsförderungsprogramme, zu erhöhen und eventuell Berufswiedereinsteigerinnen anzusprechen. Berufspolitisch ist darauf zu achten, dass die Pflege, vertreten durch Pflegepersonen, in gesundheitspolitische Entscheidungen weiterhin und verstärkt eingebun-den ist. Damit wird sichergestellt, dass Pflege ein unverzichtbarer, für die Bevölkerung sichtbarer und spürbarer Teil des Gesundheits- und Sozialwesens ist.

Literatur

1 Rottenhofer I, Rappold E (2015): Fachkarrieren durch Kompetenzvertiefung und Kompetenzer-weiterung. In: Plessl-Schorn B (Hg.): Karriere in der Pflege – genug Platz für alle? Facultas Uni-versitätsverlag, Wien, 26-41

 

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