zur Navigation zum Inhalt
 
Pflege 30. Juni 2005

Depression macht lebensmüde

Körperliche Gebrechen, psychische Probleme und Einsamkeit sind bei vielen alten Menschen Ursache für eine Depression. Rund 17 Prozent der Gesamtbevölkerung sind einmal im Leben von einer Depression betroffen. Doch viel zu selten wird die Krankheit erkannt, noch weniger behandelt. Laut Schätzungen liegt der Anteil der unbehandelten Patienten bei etwa 80 Prozent.

Bis 2020 wird laut Statistik der Vereinten Nationen in den Industrieländern der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahren bei rund 20 Prozent liegen.
„Etwa 17 Prozent der Gesamtbevölkerung sind von der Depression einmal betroffen, davon entfallen zwölf bis fünfzehn auf leichte und mittlere Depressionen, drei bis vier Prozent nehmen einen schwereren Verlauf“, begann Prof. Dr. Michael Rainer, Leiter der Abteilung für Psychiatrie im Donauspital, seinen Vortrag bei einer Pressekonferenz über die Leiden der Alten. Alarmierend ist ein Vergleich mit den Pflegeheimen, denn dort leiden immerhin 40 bis 55 Prozent der Einwohner unter leichter oder mittelschwer ausgeprägter, sechs bis zwölf Prozent unter einer schweren Depression!
Bedenklich äußerte sich Rainer auch zur Tatsache, dass nur drei bis vier Prozent der PatientInnen nach den Richtlinien der „evidence based medicine“, also nach einem durch Studien eindeutig abgesicherten Therapieschema, behandelt werden. Weitere 17 Prozent werden zumindest symptomatisch therapiert. Der Großteil der depressiven Patienten erfährt überhaupt keine Behandlung. Dieser Anteil wird immerhin auf 80 Prozent geschätzt.

Diagnose bei Älteren schwerer

Dafür ist nicht zuletzt verantwortlich, dass die Depression beim älteren Menschen noch wesentlich schwieriger zu diagnostizieren ist als beim „Durchschnittspatienten“. Ältere Menschen leben häufig unter ungünstigen sozialen Verhältnissen, isoliert, kommunizieren wenig und haben insbesondere im städtischen Bereich stark reduzierte Sozialkontakte. Der Alterungsprozess wird als betont negativ aufgefasst und die Störung stark somatisiert. Bei vielen treten als Nebenerscheinung auch organisch-körperliche Symptome auf. Darunter würden zum Beispiel Kraftlosigkeit, Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust, Bewegungsarmut, Ermüdbarkeit und eine Gehemmtheit fallen. Generell ist die Trias Isolation, Einsamkeit und Langeweile für über 50 Prozent aller psychischen Störungen im Alter verantwortlich.
Zusätzlich kommt es zu Überlappungen einerseits mit Angstsyndromen und andererseits mit der Demenz. Beim Angstsyndrom steht
eine ängstliche Agitiertheit im Vordergrund. Die Demenz tritt bei Depressiven im Vergleich zur Normalbevölkerung etwa vier Mal so häufig auf.
Die Altersdepression trägt dazu bei, dass etwa die Rehabilitation nach Herzinfarkt dreimal länger dauert und auch die Sterblichkeit bei diesen Menschen ansteigt.
Das Erscheinungsbild der Altersdepression ist durch folgende Symptome geprägt: Hemmung oder Agitiertheit, Bewegungsarmut bis zur Reaktionslosigkeit, Unruhe, Getriebenheit, Kommunikationsarmut, rasche Ermüdbarkeit und Zurückgezogenheit. Auffällig ist auch, dass es, wenn das Gehör und die Sehleistung im Allgemeinen schlechter werden, es zu einer natürlichen sozialen Isolation kommt.

Stark negative Lebensbilanz

Das Credo in der Behandlung sollte lauten: „To be patient with the patient“. Der behandelnde Arzt muss also eine immense Geduld aufbringen. Nur eine Kombination, bestehend aus Psychopharmaka, Psychotherapie, Milieutherapie, bei der das soziale Umfeld beziehungsweise die Familie eingebunden werden soll, und einer guten internistischen Begleittherapie, hat gute Chancen auf Erfolg. Ein Erfolg stellt sich allerdings oft wesentlich später ein als bei jüngeren Patienten, deshalb ist Geduld auch hier das Leitmotiv.
Besonders betrüblich ist in diesem Zusammenhang das Problemfeld des Suizids. Diesen Selbstmordversuchen liegt häufig eine persönlich stark negativ empfundene Lebensbilanz zugrunde. Das macht den Selbstmordversuch zu einem gut durchdachten „letzten Schritt“. Die „Erfolgsrate“ der Suizidversuche von Patienten mit einer Altersdepression liegt bei ein Toter auf zwei Suizidversuche, dieses Verhältnis liegt sonst bei ein Toter auf acht Versuche. In 98 Prozent aller Länder liegt die höchste Suizidrate in der Altersklasse über 75 Jahre.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben