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Ursula Frohner Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands
© pickks / Fotolia.com

Die Pflegefachberatung wird wichtiger, da Patienten und Angehörige in komplexen Situationen Hilfe brauchen.

 
Pflege 23. Juni 2014

„ELGA wird auch für die Pflege wichtig werden“

Interview mit Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband.

Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband, die größte heimische, berufspolitische Vertretung aller Pflegeberufe, ist seit Längerem daran interessiert, eine umfassende Ausbildungsreform für Gesundheits- und Krankenpflegeberufen durchzusetzen. Dies scheint nun gelungen zu sein.

Letztlich haben die Gesundheitsreferenten der Bundesländer doch zu einer Einigung gefunden: Im Mai beschlossen sie die Umsetzung eines bundesweit einheitlichen Pflegeausbildungsmodells. Dieses soll den veränderten Anforderungen an das Gesundheitssystems besser gerecht werden. Eine der treibenden Kräfte für eine solche Reform war und ist der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV). Dessen Präsidentin, Ursula Frohner, erklärt im Gespräch die Hintergründe, Details und mögliche Auswirkungen.

Was ändert sich durch eine bundesweit einheitliche Pflegeausbildung mit der lange geforderten Ansiedlung der Ausbildung für den gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankheitspflege im Fachhochschulbereich?

Frohner: Die Struktur der künftigen Ausbildung basiert auf dem ÖGKV-Kompetenzmodell, das fünf Stufen vorsieht. Herzstück ist die Qualifikation im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege, die mit Bakkalaureat und Berufsberechtigung abschließt. Die theoretischen Ausbildungsinhalte sind an Fachhochschulen angesiedelt, die praktische Ausbildung können die FH-Studenten an definierten Praktikumsstellen absolvieren. Darüber hinaus können selbstverständlich die bestehenden Gesundheits- und Krankenpflegeschulen Kooperationspartnerschaften mit FHs eingehen, was teilweise bereits schon erfolgt.

Das Handlungsfeld der Absolventen mit Bakkalaureat ist die Pflegepraxis. Der Unterschied zu den bisherigen Ausbildungen liegt im Vermitteln von evidenzbasierten Informationen und genau das ist für bestehende und künftige Anforderungen an Gesundheits- und Krankenpflegeberufe in den Versorgungsprozessen essenziell. Jener Wissenstransfer, nämlich praktisches Wissen und theoretisches Wissen permanent zu reflektieren, ist bis dato in den Systemen nur unzureichend umgesetzt. Gleichzeitig wird der Karriereweg mit der Ausbildung auf Fachhochschulniveau nach oben durchlässig: Die Absolventen mit Bakkalaureat können eine Masterausbildung anschließen und in weiterer Folge auch eine universitäre Ausbildung anstreben.

Wo liegen die Herausforderungen bei der Reform-Umsetzung?

Frohner: Information ist angesagt, einerseits auf der politischen Ebene, andererseits innerhalb aller Gesundheitsberufe. Es ist ganz wichtig, die notwendigen Entwicklungen in der Ausbildung der Pflegefachberufe möglichst breit und öffentlich zu kommunizieren. Gesundheit ist ein sensibler Bereich, daher sind konkrete Informationen über diese wichtigen Veränderungen und den damit verbundenen Qualitätsgewinnen den Menschen zu vermitteln.

Wie kam es nach den lange erfolglosen Diskussionen zur Anpassung der Ausbildung an internationale Standards nun doch zum einstimmigen Beschluss?

Frohner: Wir müssen bundesweit Versorgungsnotwendigkeiten erfüllen, und auch in Österreich auf soziodemografische Entwicklungen reagieren. Klar wird es am folgenden Beispiel: Der Jahrgang 1964 ist der Geburtenstärkste Jahrgang der zweiten Republik. Folglich werden Menschen dieses Jahrgangs heuer Ihren 50. Geburtstag feiern. Es ist also leicht ersichtlich, was das auch für die Gesundheitsberufe insgesamt bedeutet: Es werden künftig weniger Personen in allen Gesundheitsberufen zur Verfügung stehen, somit ist prozessorientierte Aufgabenverteilung angesagt. Das kann aber nur stattfinden, wenn in den Ausbildungen jene Kompetenzen vermittelt werden, die in der Praxis auch angewendet werden. Das wird beim Thema Primärversorgung besonders deutlich. Hier wird der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten die Gesundheitsversorgung übernehmen müssen. Konkret bedeutet dies Visitieren von chronisch Kranken im häuslichen Bereich. Das notwendige Monitoring, beispielsweise bei Menschen, die an COPD oder Diabetes leiden, kann übernommen werden. Ganz wichtig ist dabei die Möglichkeit des selbstständigen Verordnens von Medizinprodukten. Erweiterte Speziallaufgaben, wie etwa die Versorgung chronischer Wunden, sind von den entsprechend qualifizierten Pflegepersonen eigenverantwortlich zu übernehmen – seit 2008 werden in Österreich für diese Aufgaben „Nurse Practitioners“ ausgebildet. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Pflegefachberatung, da Patienten und pflegende Angehörige die fachkompetente Unterstützung vor allem in komplexen Pflegesituationen brauchen.

Was wird sich durch die Ausbildungsreform für den Beruf noch verändern?

Frohner: Die Pflegefachkompetenz in den Versorgungssystemen wird sichtbarer. Ganz deutlich aber wird die Karrieremöglichkeit der Gesundheits- und Krankenpflegepersonen durch die Weiterentwicklung und Spezialisierung in der direkten Patientenversorgung. Wichtig ist, die Gesundheits- und Krankenpflege aus dem herkömmlichen Bildungswesen herauszulösen und somit aus der sehr traditionellen Wahrnehmung dieses Berufes in den Versorgungssystemen herauszuführen. So entstehen ganz neue Perspektiven für die Berufsausübung. Es werden sich darüber hinaus neue Kooperationsformen, etwa mit medizinisch technischen Diensten oder Apothekern ergeben.

Wie sieht der Zeitplan für die Ausbildungsreform aus?

Frohner: Vorgesehen ist, dass bis Ende Juni ein Gesetzesentwurf vorliegt und in der Folge im Herbst durch den Nationalrat beschlossen wird. Der ÖGKV hat für diesen Reformprozess der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildungen das schon erwähnte Kompetenzmodell beigesteuert. Wenn der Gesetzesentwurf vorliegt, werden wir dazu selbstverständlich Stellung nehmen.

Wann könnte diese Ausbildungsreform umgesetzt sein?

Frohner: Die Ausbildung für den gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege ist schon seit dem Jahr 2008 möglich. Die bundesweite Ausrollung ist der nächste Schritt. Studienplätze an Fachhochschulen gibt es mittlerweile ja weitgehend in den Bundesländern. Ob diese ausreichen, und vor allem, ob die Praktikumsstellen zur Verfügung stehen, ist noch zu prüfen. Wir sehen insbesondere für die praktische Ausbildung, und somit für die Praxisanleiter, eine sehr positive Entwicklung.

Ein wesentlicher Punkt ist auch, dass die Träger erkennen, wie wichtig es ist, Pflegefachberufe von berufsfremden Tätigkeiten zu entlasten. Man wird auch diverse Abläufe neu strukturieren müssen. Ein und dieselbe Frage, etwa nach Allergien, durch alle Gesundheitsberufe dem Patienten wiederholt zu stellen, ist einfach Vergeudung von Ressourcen und darüber hinaus nicht patientenorientiert.

Und das in Zeiten der elektronischen Datenerfassung ...

Frohner: Das verstehe ich überhaupt nicht, warum vonseiten der Ärzteschaft eine so große Ablehnung zu ELGA herrscht. ELGA wird auch für die Pflege noch ein wichtiges Thema werden, weil nur registrierte Berufsgruppen einen Datenzugang haben - es gibt aber keine Berufsliste von Gesundheits- und Krankenpflegepersonen. Daher ist das Thema weiterhin aktuell. Ich glaube nicht, dass Versorgungssysteme es sich leisten können, diese große Berufsgruppe von diesen Daten auszuschließen.

Die Bedeutung der Pflege wurde in den vergangenen Jahren stetig aufgewertet, wie sehen Sie das?

Frohner: Ich sehe es sehr positiv, dass man auch seitens der Politik vermehrt die Perspektive des ÖGKV abbildet. Pflegefachberufe sind sehr praxisorientiert, gleichzeitig entwickelt diese Berufsgruppe aber zunehmend ihre Evidenzen, die wiederum eine wichtige Basis für die weitere Entwicklung der Systeme sind. Konkrete Themen sind etwa Mangelernährung, Sturzneigung oder Schmerzmanagement.

Das Gespräch führte Verena Kienast.

Das Interview können Sie in Originallänge auf springermedizin.at (//bit.ly/SPEGNT) nachlesen.

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