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Pflege 28. November 2013

Leben mit Inkontinenz

Ergebnisse einer Befragung zur Kontinenzversorgung

Einer Gesundheitserhebung der Statistik Austria (2006/07) zufolge leiden 5,9 Prozent der Österreicher an Harnverlust. Kontinenzversorgung ist daher ein Thema, von dem eine große Anzahl an Menschen betroffen ist. Ungewollter Stuhlverlust ist hingegen weniger häufig. In vielen Fällen sind Kontinenzprobleme eine Begleiterscheinung eines anderen Krankheitsbildes, wodurch die Lebensqualität der betroffenen Patientinnen und Patienten zusätzlich beeinträchtigt wird. Eine professionelle und hochwertige Inkontinenzversorgung, die den Betroffenen hohe Sicherheit und Flexibilität verspricht, kann daher grundlegend zu deren Wohlbefinden beitragen.

In diesem Sinne ist die Firma Coloplast als Erzeuger von Produkten zur Inkontinenzversorgung bemüht, Produktinnovationen unter Einbindung der Nutzer voranzutreiben. Coloplast wurde 1957 gegründet und seit 1993 ist der dänische Anbieter auch in Österreich mit einer Tochtergesellschaft in Wien vertreten. Der intensive Dialog und das unbedingte Verständnis für die Bedürfnisse der Anwender werden von Coloplast als Basis für die Entwicklung neuer und innovativer ProduktlÖsungen verstanden. „ZuhÖren und reagieren“ lautet demnach die Firmenphilosophie von Coloplast, mit dem Ziel die Lebensqualität der betroffenen Personen zu verbessern.

Die Einbindung der Anwender erfolgt insbesondere durch Fokusgruppen und Befragungen, die als Grundlage für die Weiterentwicklung der Versorgungsprodukte dienen. In diesem Artikel werden die Ergebnisse zweier Österreichweiter Befragungen von Coloplast berichtet, die am Institut für Quantitative Studien der Fachhochschule Wiener Neustadt ausgewertet wurden. In der ersten Befragung wurden insbesondere gesundheitliche Aspekte und die angewandten Methoden der Inkontinenzversorgung erhoben. Die zweite Befragung wandte sich an Österreichische Anwender des intermittierenden Selbstkatheterismus (ISK) und fokussierte auf den Umgang mit den Versorgungsprodukten und Probleme beim Erlernen des Selbstkatheterismus. Ziel dieser Befragung war, Daten über die Indikationen, Durchführung sowie eventuelle Probleme rund um den ISK zu erfahren. Die Ergebnisse sollen in weiterer Folge in die zukünftige Produkt- und Serviceentwicklung der Firma Coloplast einfließen.

Methodik

Im Rahmen der ersten Erhebung wurden 186 Personen aus allen neun Bundesländern befragt. An der zweiten Befragung nahmen 77 Personen teil. Die Stichprobe setzte sich aus etwa 40 Prozent Frauen und 60 Prozent Männern zusammen. Das Durchschnittsalter betrug 51 Jahre bei einer Altersspanne von sieben bis 85 Jahren. Für die Befragungen wurden zwei standardisierte FragebÖgen eingesetzt. Die Datenauswertung erfolgte insbesondere auf der Grundlage deskriptiver Statistik.

Krankheitsbilder und Einschränkungen

Die Befragungsteilnehmer leiden an verschiedenen Krankheiten, welche in sechs Kategorien eingeteilt wurden. Ein Drittel der Befragten sind querschnittsgelähmt. Das zweithäufigste Krankheitsbild ist Multiple Sklerose mit 27 Prozent und weitere 15 Prozent leiden an BlasenentleerungsstÖrungen. Von Spina Bifida und Prostataproblemen sind jeweils sieben Prozent der Befragten betroffen. Sonstige, weniger häufig genannte Krankheiten sind zum Beispiel Parkinson, Analatresie und Epilepsie ( Tab. 1 ).

Mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer benutzt einen Rollstuhl als primäres Mobilitätsmittel ( Abb. 3 ). Außerdem leidet etwa ein Viertel aller Befragten an einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit in den Händen, wobei zum Großteil, wie in der Abbildung ersichtlich ist, Personen mit MS oder Querschnittslähmung davon betroffen sind ( Abb. 4 ).

Harninkontinenz und Versorgungsstrategien

Von allen Teilnehmern der Studie leiden über 93 Prozent an einer BlasenfunktionsstÖrung. Die genaue Auswertung der BlasenfunktionsstÖrung nach Krankheitsbildern illustriert, dass alle von Spina-Bifida betroffenen befragten Personen, sowie der überwiegende Teil der Befragten mit Querschnittslähmung oder MS angeben, an einer BlasenfunktionsstÖrung zu leiden ( Abb. 5 ).

Lediglich acht von 184 Personen geben an, die Blase normal entleeren zu kÖnnen, wohingegen über 70 Prozent intermittierend katheterisieren. Als weitere BlasenentleerungsmÖglichkeiten wurden — in Reihenfolge der Häufigkeit — Kondom-Urinale, Eindrücken des Unterbauchs und suprapubisches Klopfen genannt. Um besser auf die Probleme der ISK-Anwender eingehen zu kÖnnen, war im Rahmen der Erhebung außerdem das übliche Katheterisierungsverhalten von Interesse.

Ein Drittel der Befragten gibt an, die Katheterisierung im Rollstuhl durchzuführen. Weitere 30 Prozent katheterisieren im Stehen und 20 Prozent auf der Toilette. Darüber hinaus wurden die Studienteilnehmer gefragt, wie der Urin in die Toilette transportiert wird, falls die Katheterisierung nicht auf der Toilette stattfindet. Etwa 60 Prozent von ihnen verwenden dazu ein Behältnis wie zum Beispiel einen Urinbeutel oder eine Urinflasche und knapp ein Drittel gibt an, den Urin direkt über den Katheter in die Toilette zu befÖrdern.

Ein weiterer Fokus der Studie lag auf den angewandten Produkten. 70 Prozent aller Studienteilnehmer geben an, zumindest zusätzlich Einmalkatheter zur Blasenentleerung zu verwenden. Weniger häufig werden Kondom-Urinale (10%), Dauerkatheter (4%) oder sonstige Blasenentleerungshilfen (7%) verwendet. Von den acht Nutzern mit normaler Blasenfunktion verwenden dennoch vier Personen zusätzlich Blasenentleerungshilfen.

Einige der Untersuchungsteilnehmer berichten, dass ihr monatlicher Bedarf an Kathetern das von den Versicherungsanstalten gewährte Kostenlimit übersteigt. Sie wünschen sich eine Anpassung des Refundierungslimits an den tatsächlichen Bedarf. Durchschnittlich werden etwa 150 Katheter pro Monat zuzüglich ZubehÖr benÖtigt, wobei das Bedarfsvolumen bei Auftreten von Infektionen erheblich ansteigen kann.

ISK Einschulung und Nachbetreuung

Um betroffenen Personen unmittelbar nach der ISK Einschulung im Krankenhaus oder Rehabilitationszentrum eine hÖchstmÖgliche Lebensqualität zu ermÖglichen und sie optimal auf den intermittierenden Selbstkatheterismus vorzubereiten, wurde im Rahmen der Studie ein wesentliches Augenmerk auf die Erhebung anfänglicher Unklarheiten und Probleme gelegt. 24 Prozent der Befragten geben an, in der Anfangsphase mit Schwierigkeiten unterschiedlicher Natur konfrontiert gewesen zu sein. Die am häufigsten genannten Probleme waren Blasen- und Harnwegsinfektionen und die psychologische Belastung. Weiter wurden Prostataverletzungen, Materialunverträglichkeiten und ein Mangel an Informationen über Bezugsstellen von Kathetern und die Kostenübernahme durch die Krankenkassen erwähnt. Die meisten Befragten wandten sich an ein Krankenhaus oder an das einschulende Pflegepersonal, um diesbezüglich Unterstützung zu erhalten. Einige Betroffene gaben an, dass sie ihre Probleme selbst lÖsen konnten.

Die Beschaffung der Inkontinenzprodukte in der Anfangsphase nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wird von 46 Prozent der Umfrageteilnehmer als aufwändig oder sehr aufwändig beschrieben. Insgesamt ließen sich 38 Prozent die Produkte liefern und weitere 16 Prozent nahmen Hilfe für die Besorgung in Anspruch. Darüber hinaus wurden die Studienteilnehmer gefragt, welche Informationen sie vor allem während dieser Anfangsphase vermisst hatten. Für die meisten Befragten wären Erfahrungsberichte von anderen Betroffenen, oder ein persÖnlicher Austausch wünschenswert gewesen. Weiterführende Informationen zu Inkontinenz & Reisen, Alltag, Sexualität, Beruf, Partnerschaft, Sport und Ausbildung (in Reihenfolge der häufigsten Angaben) wurden ebenfalls gewünscht. Häufig wird auch eine psychologische Unterstützung nachgefragt.

Auf die Frage, was das Schwierigste beim Erlernen des ISK gewesen ist, wurden sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Am häufigsten wurde die psychologische überwindung, einen Gegenstand in den KÖrper einführen zu müssen, ebenso wie die Insertion des Katheters an sich genannt. Sehr oft wurde das Lokalisieren der HarnrÖhre als Herausforderung angegeben. Weitere Schwierigkeiten bereitete die sterile Anwendung. Die Handhabung des Katheters erfordert vor allem von Personen mit Sehschwäche oder Bewegungseinschränkung in den Händen erhÖhte Anstrengung.

Bei der Evaluation der Produkteigenschaften von Kathetern werden das einfache Einführen des Katheters in die HarnrÖhre und die Gewährleistung der Sterilität bei der Vorbereitung und bei der Insertion als wichtigste genannt. Ebenfalls von großer Bedeutung ist, dass die Blase vollständig entleert werden kann. Dass die Katheterisierung ohne Beschmutzung mit Urin durchführbar ist, ist für die Befragten genauso wesentlich, wie die Verpackung des Katheters leicht Öffnen zu kÖnnen. Etwas weniger aber dennoch bedeutend ist, dass der Katheter diskret beziehungsweise unauffällig transportiert werden kann, einfach in der Entsorgung ist und die Nutzer nicht durch das beigefügte Wasser oder Gel unabsichtlich nass werden.

Darmentleerung: Beschwerden und Maßnahmen

148 Personen aus dem Sample beteiligten sich an der Befragung zum Thema Darmentleerung. Im Detail leiden 66 von ihnen an Verstopfung, 38 an unfreiwilligem Stuhlverlust (Inkontinenz) und 40 unter langen Toilettenzeiten (wobei überschneidungen mÖglich sind). Nach genauerer Untersuchung kann aufgezeigt werden, welche Krankheitsbilder am anfälligsten für gewisse DarmentleerungsstÖrungen sind. Verstopfung kommt bei allen Krankheitszuständen vor, jedoch sind Personen mit Multipler Sklerose und Querschnittlähmung am meisten davon betroffen. Viele Personen mit Querschnittslähmung, Multipler Sklerose und Spina Bifida leiden ebenso an Inkontinenz, während lange Toilettenzeiten hauptsächlich Personen mit Querschnittslähmung oder Multipler Sklerose betreffen.

Ein Großteil der befragten Personen gibt an, dass unter gewissen Voraussetzungen ein normaler Stuhlgang mÖglich ist. Anderenfalls werden häufig Medikation — oft in Kombination mit einer weiteren Stimulationsmethode — und Enddarmstimulation zur Darmentleerung eingesetzt. Bedeutend weniger häufig kommt die Anale Irrigation zum Einsatz. Insgesamt 30 Prozent der Betroffenen geben an, sie seien mit der Darmentleerung unzufrieden. Als Gründe werden mitunter lange Toilettenzeiten und unregelmäßige Entleerungsrhythmen, die Konsistenz des Stuhlgangs, Hämorrhoiden, Blutungen und Verstopfung genannt.

Fazit: Ein Beitrag zur optimalen Kontinenzversorgung

Inkontinenz tritt häufig als Begleiterscheinung zu anderen Krankheitsbildern, vor allem bei Querschnittslähmung, Multipler Sklerose und Spina Bifida auf. Dementsprechend steht bei der Produktentwicklung nicht nur die Verbesserung der Produkte selbst, sondern eine Verbesserung der Anwendbarkeit unter Berücksichtigung der individuellen Einschränkungen im Vordergrund. Insgesamt leiden 93 Prozent der Befragten an BlasenfunktionsstÖrungen. Sie sind auf Blasenentleerungshilfen angewiesen. Hierbei spielt der Einmalkatheter, der von über 70 Prozent der Befragten verwendet wird, die wichtigste Rolle. Der Katheter muss sich im Stehen, Sitzen und Liegen anwenden lassen und spezielle Produktcharakteristika aufweisen, um eine unkomplizierte, rasche und sterile Handhabung zu gewährleisten. Die Anfangszeit der ISK-Anwendung nach Entlassung aus dem Spital beziehungsweise dem Rehabilitationszentrum kÖnnte durch einen Erfahrungsaustausch mit anderen Anwendern, psychologische Unterstützung und ausreichend Informationen zu verschiedenen Themen des Alltags weiter erleichtert werden.

Neben der Harninkontinenz treten DarmentleerungsstÖrungen in den Ausprägungen Verstopfung, Inkontinenz und lange Toilettenzeiten auf. Auch hier wird teilweise auf Darmentleerungshilfen zurückgegriffen.

Im Rahmen dieser Österreichweiten Befragungen konnten einige wichtige Erkenntnisse über die Bedürfnisse und Probleme von Menschen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern und physiologischen Einschränkungen gewonnen werden, welche wegweisend in die Produkt- und Serviceentwicklung von Coloplast einfließen, sodass Coloplast dadurch einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit Inkontinenz leisten kann. Konkret konnten bisher auf Grundlage der gewonnen Erkenntnissen zwei Projekte umgesetzt werden: Es wurde ein Beratungsservice für Nutzer eingerichtet, das während der Woche für Rückfragen zu den Produkten der Firma Coloplast und deren Anwendung zur Verfügung steht. Außerdem wurde gemeinsam mit führenden Urologen und Kontinenzberatern ein Informationssystem entwickelt. Die Nutzer erhalten fortlaufend nach der Entlassung aus dem Krankenhaus über die Dauer von einem Jahr Informationsbriefe mit Hinweisen zur korrekten Anwendung der Produkte, sowie Informationen rund um das Thema Inkontinenz. Beide Projekte unterstützen die Nutzer bei der Anwendung und sollen zur Verbesserung der Compliance beitragen.

Tabelle 1: Stichprobenbeschreibung
1. Befragung Personen 186
2. Befragung Personen 77
Geschlecht Frauen 40%
  Männer 60%
Alter Durchschnittsalter 51
  Altersspannweite 7 – 85
Krankheitsbilder Querschnittslähmung 32,6%
  Multiple Sklerose 27,1%
  Spina Bifida 14,9%
  ProstatavergrÖßerung 7,2%
  BlasenentleerungsstÖrung 6,6%
  Sonstiges 11,6%

Abb. 1:  Photo: © Coloplast  In vielen Fällen sind Kontinenzprobleme eine Begleiterscheinung eines anderen Krankheitsbildes

Abb. 1: Photo: © Coloplast In vielen Fällen sind Kontinenzprobleme eine Begleiterscheinung eines anderen Krankheitsbildes

Abb. 1:  Der Großteil der Umfrageteiolnehmer benutzt einen Rollstuhl als primäres Mobilitätsmittel.

Abb. 1: Der Großteil der Umfrageteiolnehmer benutzt einen Rollstuhl als primäres Mobilitätsmittel.

Abb. 4:  Etwa ein Viertel aller Befragten leider an einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit in den Händen.

Abb. 4: Etwa ein Viertel aller Befragten leider an einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit in den Händen.

Abb. 5:  Von allen Teilnehmern der Befragung leiden 93 Prozent an einer BlasenfunktionsstÖrung.

Abb. 5: Von allen Teilnehmern der Befragung leiden 93 Prozent an einer BlasenfunktionsstÖrung.

Abb. 2:  Photos: © Coloplast  Die Produktentwicklung basiert bei Coloplast auf der Philosophie „ZuhÖren und reagieren“. Daher sind die Produkte auf die Bedürfnisse der Anwender bestmÖglich abgestimmt: SpeediCath Compact (links) und Conveen Optima (rechts).

Abb. 2: Photos: © Coloplast Die Produktentwicklung basiert bei Coloplast auf der Philosophie „ZuhÖren und reagieren“. Daher sind die Produkte auf die Bedürfnisse der Anwender bestmÖglich abgestimmt: SpeediCath Compact (links) und Conveen Optima (rechts).

Abb. 6:  Photo: © Coloplast  Die Anfangszeit der ISK-Anwendung kÖnnte durch einen Erfahrungsaustausch mit anderen Anwendern, psychologische Unterstützung und ausreichend Informationen weiter erleichtert werden.

Abb. 6: Photo: © Coloplast Die Anfangszeit der ISK-Anwendung kÖnnte durch einen Erfahrungsaustausch mit anderen Anwendern, psychologische Unterstützung und ausreichend Informationen weiter erleichtert werden.

Abb. 7:  Photo: © Coloplast  Befragungen und daraus abgeleitete Konsequenzen kÖnnen einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität von Patienten mit Inkontinenz leisten.

Abb. 7: Photo: © Coloplast Befragungen und daraus abgeleitete Konsequenzen kÖnnen einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität von Patienten mit Inkontinenz leisten.

Dr. Karin Glaser, Markus Duschet, Philipp Nieke, ProCare 9/2013

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