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Pflege 5. April 2006

Diabetes mellitus: Was ist evidence-based?

Die Prävalenz an Glukosetoleranzstörungen beträgt bei über 75-jährigen Personen über 20 Prozent, in geriatrischen Betreuungsinstitutionen bis zu 50 Prozent.
Die Symptome eines neu manifestierten oder dekompensierten Diabetes mellitus sind beim betagten Patienten häufig verschleiert oder unspezifisch (Tabelle 1). Bei grenzwertig hoher Nüchternblutglukose ist zur Beurteilung der Stoffwechsellage die Bestimmung eines HbA1c-Wertes hilfreich, falls ein oraler Glukosetoleranztest nicht praktikabel erscheint.
Ältere Patienten mit Diabetes mellitus weisen gegenüber gleichaltrigen Nichtdiabetikern ein erhöhtes Risiko für Multimorbidität und Pflegebedürftigkeit sowie eine deutlich gesteigerte Mortalität auf (Tabelle 2).

Das Alter bei Erstauftreten des Diabetes mellitus und damit die Diabetesdauer dürften aber eine entscheidende Rolle für die weitere Prognose spielen. Zusätzlich zur individuell optimierten Stoffwechselkontrolle ist eine strikte Blutdruckeinstellung mit einem Zielwert von RR < 145/85 besonders beim älteren Typ 2-Diabetiker erforderlich.
Zudem ist auch eine antiaggregatorische, antioxidative und lipostatische Therapie sorgsam zu erwägen. Diesbezüglich fehlen aber bisher repräsentative Studien bei diabetischen Patienten, die älter als 75 oder 80 Jahre sind, völlig.
Auch ist die in der täglichen Praxis erzielbare Compliance der Medikamenteneinnahme angesichts der häufigen Polypharmazie zu berücksichtigen. Als weitere Risikofaktoren für niedrige Compliance finden sich mehrmalig tägliche Einnahmefrequenz, ein höheres Lebensalter und ein niederer sozialökonomischer Status. Neue Galenikformen bewährter und gut verträglicher Medikamente zur einmal täglichen Einnahme und sinnvolle und sichere Kombinationspräparate sind daher speziell für den betagten Patienten zu fordern.

Adaptierte Schulungsprogramme für ältere Typ 2-Diabetiker sollten vor allem Wissen über eine richtige, praktikable Ernährung, über Verhinderung von hypo- und hyperglykämischen Entgleisungen (zum Beispiel Selbstmessung der Blutglukose und/oder der Uringlukose, wenn möglich) und über Vorbeugung des diabetischen Fußes vermitteln.
Die Kooperation zwischen Geriatern und Diabetologen ist sowohl klinisch als auch wissenschaftlich geboten, da ältere Diabetiker aufgrund ihrer diabetes-assoziierten Spätkomplikationen das klinische Bild einer "prämaturen" Gebrech-lichkeit ("frailty") im Sinne der geriatrischen Syndrome bieten (Tab. 3).
Somit stellt der Diabetes mellitus ein idealtypisches Modell für (vor) schnelles organisches Altern beim Menschen dar, dessen pathophysiologische Hinter-gründe beziehungsweise allfällige protektive Gegenmechanismen es aufzuklären gilt.

Quelle: Journal für Ernährungsmedizin, Verlag Krause und Pachernegg

Tab. 1: Klinische Präsentation undiagnostizierter älterer Patienten mit
Diabetes mellitus

· Asymptomatisch

·  Symptomatisch mit unspezifischen
Symptomen: Müdigkeit, kognitive Einschränkung, beeinträchtigte
Mobilität, Inkontinenz, unklarer Gewichtsverlust, Infektionen
(Harntrakt, Haut)

·  Manifestation von vaskulären Komplikationen: Myokardinfarkt, Schlaganfall, Fußgangrän

·  "Klassische Symptomatik": Durst, Polyurie, Hunger

·  Hyperosmolares, nichtketotisches Koma, diabetische Ketoazidose

Tab. 2: Klinische Probleme bei älteren Patienten mit Diabetes mellitus
(im Vergleich zu Nichtdiabetikern)

·  Verdoppelte altersspezifische Mortalität

·  Häufigste Ursache für erworbene Erblindung in der westlichen Welt

·  17-fach häufigeres Auftreten von Nierenerkrankungen

·  2-8-fach erhöhte Mortalität an KHK

·  Gesteigerter Schweregrad der pAVK

·  15-fach erhöhtes Amputationsrisiko

· Verdoppelte Hospitalisierungsrate

· Höheres Risiko für Pflegebedürftigkeit

·  Gesteigerte Demenzrate

·  Gehäufte Depression

Tab. 3: "Frailty model
in diabetes"
Modell für prämatures "Geriatrisches Syndrom" beim alten Patienten mit Diabetes mellitus nach A. J. Sinclair mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für:

·  Kognitive Beeinträchtigung

·  Nierenfunktions-einschränkung

·  Koronare Herzerkrankung/ Herzinsuffizienz

·  Bedarf nach Multimedikation

·  Hypoglykämie

·  Verminderte Therapie-Compliance

·  Pflegebedürftigkeit

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