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Bei Tabuthemen wie Inkontinenz werden Pflegepersonen oft eher ins Vertrauen gezogen als Ärzte.

Martina Steinbeiß, DGKS

Kontinenz- und Stomaberaterin, dipl. Sexualberaterin, KH Barmherzige Schwestern Linz

 
Pflege 6. September 2013

Alles unter Kontrolle?

Inkontinenz und Pflege.

In der diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege hat sich vor ca. 20 Jahren der Spezialbereich Kontinenz- und Stomaberatung etabliert, in dem Pflegepersonen durch umfassende Weiterbildung vertieftes Basiswissen zu den Themen vermittelt bekommen.

Die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ, www.kontinenzgesellschaft.at) und der Verein Kontinenz-Stoma-Beratung Österreich (www.kontinenz-stoma.at) versuchen laufend, durch Fortbildungsangebote im Bereich Inkontinenzbehandlung und Stomapflege den Wissensstand von medizinischem Personal zu erhöhen und das Interesse für diesen Themenbereich zu verstärken. Besonders auch durch die Etablierung von Kontinenz- und Beckenbodenzentren an Krankenhäusern werden Stellen für Kontinenzberatung geschaffen.

Für Pflegepersonen tut sich in der Kontinenzberatung ein spannendes Arbeitsfeld auf: Die Palette der konservativen Maßnahmen reicht von der Anamneseerhebung und Erstellung eines Blasentagebuches bzw. Stuhlentleerungstagebuches über Trainingsmaßnahmen wie Miktions- und Toilettentraining bis hin zu Techniken, wie die Einschulung zum intermittierenden Selbstkatheterismus oder zum Darmmanagement und zur analen Irrigation. Auch der Einsatz von Elektrostimulations- und Biofeedbackverfahren steht in der Behandlung von Inkontinenz durch Pflegepersonen zur Verfügung.

Bei der Arbeit am Beckenboden ergibt sich eine Schnittstelle mit der Physiotherapie – dieses Spannungsfeld wird bei der heurigen Tagung der MKÖ speziell diskutiert, um hier die Zusammenarbeit zu vertiefen und ev. Konkurrenzgedanken zum Vorteil der zu Betreuenden abzubauen.

Weniger Scheu

Viele Patienten mit Inkontinenzbeschwerden sind durch die nach wie vor bestehende Tabuisierung des Themas gehemmt, offen darüber zu sprechen und haben Pflegepersonen gegenüber manchmal weniger Scheu, ihre Sorgen zu benennen. So ist es auch eine wichtige Aufgabe, die Betroffenen zur ärztlichen Abklärung als ersten und wesentlichen Schritt zur Behandlung zu motivieren.

Eine intensive und kollegiale Zusammenarbeit im interdisziplinären und interprofessionellen Team ist die Voraussetzung, komplexe Beschwerdebilder, wie sie z. B. bei neurogenen Blasen-Darmentleerungsstörungen auftreten, erfolgreich zu behandeln. Gerade bei Kontinenzstörungen, wie z. B. einer überaktiven Blase, die häufig auch schon länger bestehen, braucht es Geduld und eine längerfristige regelmäßige Betreuung der Betroffenen, um sie immer wieder zum Blasentraining und zur Einnahme der Medikamente zu ermutigen bzw. den laufenden Erfolg der Behandlungen mittels Blasentagebuch zu evaluieren und ggf. Maßnahmen anzupassen.

Meine Arbeit in einem großen Beckenbodenzentrum ist durch die Vielzahl der Beschwerdebilder sehr abwechslungsreich und spannend: von den Säuglingen mit neurogener Blasen-Darmstörung bei Spina bifida über alle Formen der Harninkontinenz (weibl. Belastungsinkontinenz, postoperative Belastungsinkontinenz beim Mann nach Prostatektomie, überaktive Blase, Blasenentleerungsstörungen etc.) bis zur Stuhlinkontinenz (bes. auch nach sphinktererhaltenden Eingriffen am Rektum).

Durch die langjährige Betreuung von Patienten mit Stomaanlagen ist mir die Nachsorge der Betroffenen, wenn das Stoma rückverlagert wird und dann ev. Kontinenzprobleme auftreten, ein besonders Anliegen. Das umfasst sowohl die Beratung über die Auswirkungen der Ernährung auf die Stuhlkonsistenz als auch Hautpflege im Analbereich und konkrete Sphinktertrainingsmaßnahmen, die häufig durch eine Elektrostimulations-Biofeedbacktherapie unterstützt werden.

Hilfsmittel richtig einsetzen

Einen besonderen Stellenwert unserer Pflegearbeit nimmt auch die Beratung über geeignete Hilfsmittel bei Inkontinenz ein. Sowohl die Palette der saugenden Produkte (wie diverse Einlagen und Inkontinenzslips) als auch Hilfsmittel wie Vaginal- und Analtampons, Kondomurinale mit Beinbeuteln oder die verschiedensten Katheter brauchen zur korrekten Anwendung Erklärungen und Hinweise und die Betroffenen sollen auch die Möglichkeit zum Testen erhalten. Hilfsmittel können immer nur so gut unterstützen, als sie vom Betroffenen auch akzeptiert und richtig eingesetzt werden und hier ist oft zeitintensive Beratung und viel Fachwissen notwendig.

Weitergehende Probleme der Patienten

Wenn in unserer Beratungsarbeit Problemstellungen auftauchen, die zwar nicht direkt die Kontinenz betreffen, jedoch aber die Lebensqualität der Betroffenen massiv beeinträchtigen, wie z.B. Sexualstörungen, dann gilt es wieder, im Netzwerk zu arbeiten und eventuell auch einen Prozess in Gang zu setzen, der Vorsorgemaßnahmen umsetzt. Eine Patientin, die nach Radio-Chemotherapie und Rektumresektion zur Betreuung bei mir war, hat über ihre Scheidenenge geklagt, die sie sich gar nicht erklären konnte. Sie war der Auslöser dafür, dass ich gemeinsam mit Ärzten der Radio-Onkologie und der Gynäkologie einen Ratgeber für Frauen mit Bestrahlungen im kleinen Becken erstellt habe, der mithelfen soll, radiogene Vaginalstenosen zu verhindern.

Unser Ziel, Inkontinenz weiter zu enttabuisieren (sowohl bei Betroffenen als auch bei medizinischem Personal) und das Wissen über die Behandlungsmöglichkeiten zu erhöhen, damit immer häufiger maßgeschneiderte Problemlösungen für inkontinente Menschen gefunden werden können und sie nicht mehr aus Scham in der sozialen Isolierung landen, wollen wir mit Engagement und Eifer weiter verfolgen.

M. Steinbeiß, Ärzte Woche 37/2013

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