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Pflege 30. Juni 2005

Zum Management der Harninkontinenz

Die Inkontinenz ist nach der Demenz der zweithäufigste Einweisungsgrund in ein Alten- oder Pflegeheim; bis zu 70 Prozent der Pflegeheimbewohner leiden an Harninkontinenz. Ein wesentlicher, ätiologischer Faktor ist die Multimorbidität der älteren Menschen, hinzu kommen noch entsprechende inkontinenzfördernde Medikamente. In rezenten Studien konnte gezeigt werden, dass österreichweit etwa 850.000 inkontinente Menschen leben, wobei Frauen sechs mal häufiger betroffen sind als Männer. 85 Prozent der Betroffenen versorgen sich selbst, das heißt, dass die Inkontinenz weder beim Allgemeinmediziner noch beim Facharzt thematisiert wurde. Und nur zehn Prozent werden adäquat versorgt. Die frühe Intervention (also ab dem 50. Lebensjahr) ist sehr erfolgreich und bewahrt den Patienten vor dem sozialen Rückzug. Am Update für Geriatrie 2002 in Wien stellte Prof. Dr. Helmut Madersbacher von der Neuro-Urologischen Ambulanz, Univ. Klinik Innsbruck, moderne Therapiekonzepte vor. 

"Prinzipiell gilt es heute, auch bei der Inkontinenz im Alter, aktiv zu handeln. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der unfreiwillige Harnabgang von Seiten des Arztes erst einmal angesprochen wird." Abhängig von der geistigen und körperlichen Verfassung des Betroffenen werden individuelle Therapiekonzepte erstellt; Ziele sind eine "soziale", "abhängige" oder "unabhängige" Kontintenz.

Soziale Kontinenz

Unter dem Begriff "Soziale Kontinenz" versteht man, wenn die Patienten durch Hilfsmittel wieder gesellschaftsfähig werden. Für Frauen gibt es aufsaugende, für Männer aufsaugende und ableitende Hilfsmittel. Durch die Verbesserung der Vorlagen (erhöhte Saugkapazität, ohne dass die Vorlagen größer geworden sind) kann man die Rücknässung weitgehend beherrschen. Madersbacher: "Trotz aller Fortschritte bedeuten diese Hilfsmittel natürlich eine Einschränkung der Lebensqualität." Eine soziale Kompetenz sollte fast immer erreichbar sein. 

Abhängige Kontinenz

Unter "abhängiger Kontinenz" versteht man einen mit Fremdhilfe kontinenten Patienten. Voraussetzung ist, dass der Patient noch Anordnungen befolgen kann und noch vom Bett bis zur Toilette bzw. zum Leibstuhl gehen kann. Den Schwerpunkt dieser Therapieform bildet das Toilettentraining. Ziel ist die Anpassung des Zeitpunktes der Blasenentleerung an die individuelle Blasenkapazität. Madersbacher: "Hier gilt es, ein Blasentagebuch zu führen und die Miktionszeiten, Harnmenge sowie ob der Patient zum Zeitpunkt der Blasenentleerung bereits nass oder noch trocken war, aufzuzeichnen. Danach kann dann der entsprechende Toilettenplan erstellt werden."

Unabhängige Kontinenz

"Unabhängige Kontinenz" bedeutet, dass der Patient mit Hilfe von Verhaltenstherapie und Medikamenten trocken ist. Das Miktionstraining sieht eine Normalisierung der Miktionsfrequenz vor, sowie die Verbesserung der Willkürsteuerung zur Verringerung der Drangsymptomatik und -inkontinenz. "Wesentlich ist bei diesem Vorgehen die Information des Betroffenen über "seine" Inkontinenzform und deren Pathomechanismen", erklärt Madersbacher. Das Blasentagebuch ist auch hier Teil der Therapie, weiters das Erlernen der effizienten Anspannung der Beckenbodenmuskulatur, sobald der imperative Harndrang auftritt.

Pharmakologische Therapie

Diese wird zur Vergrößerung der funktionellen Blasenkapazität eingesetzt; die Substanzen relaxieren den Detrusor. Die verordneten Medikamente sind in ihrer Wirksamkeit etwa gleich effizient, zu beachten sind jedoch die unterschiedlich ausgeprägten Nebenwirkungen, vor allem die anticholinergen. Madersbacher: "Abschließend ist noch zu bemerken, dass besonders bei multimorbiden und damit multimedizierten Patienten die Wahrscheinlichkeit inkontinenzfördernder Medikamente - Schleifendiuretika, Psychopharmaka und viele mehr - doch beträchtlich groß ist. Sie sollten nach Möglichkeit auf ein Minimum reduziert werden!"

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