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Pflege 30. Juni 2005

Der Facharzt für Geriatrie muss her!

Die ÄRZTE WOCHE führte ein Gespräch mit Prof. Dr. Karl-Heinz Tragl, dem wissenschaftlichen Leiter des Ludwig Boltzmann Institutes für Altersforschung und zugleich einem der wichtigsten und engagiertesten Vorreiter auf dem Gebiet der Geriatrie in Österreich. 

Herr Professor, wie hat sich denn das Fach Geriatrie entwickelt?

Tragl: Schon vor hundert Jahren hat man erkannt, dass Krankheiten im Alter anders verlaufen und manche Krankheiten eher erst im höheren Alter auftreten, zum Beispiel das Karzinom, das eine typische Krankheit des älteren Patienten ist. Man hat also realisiert, dass sich die Physiologie im Lauf des Lebens ändert. Es kann nicht so wie in der Vergangenheit sein, dass an der Universität nur die Physiologie des 20-jährigen gelehrt wird! Auch die Physiologie des 60- bis 70-Jährigen muss gelehrt werden; zum Beispiel was die veränderten Verteilungsvolumina für Arzneimittel im Alter betrifft. Oder die Kreatinin-Clearance: sie beträgt bei einem 20-Jährigen etwa 120 ml/Minute, bei einem 80-Jährigen nur mehr 40-45 ml/Minute. Auch das Ausscheidungsvermögen nimmt also deutlich ab. Diese Erkenntnisse haben sich langsam durchgesetzt. 

Ältere Menschen werden ja leider oft nicht mehr so ganz ernst genommen...

Tragl: Selbstverständlich ist auch das Gehirn einer Veränderung unterworfen; die kognitiven Fähigkeiten und Leistungen gehen mit dem Alter zurück. Was aber nicht bedeutet, dass jemand geistig nicht mehr leistungsfähig ist. Ein alter Mensch bringt dafür die große Erfahrung ein, die er in seinem Leben erworben hat. Es mag die kognitive Leistung sinken, aber seine geistigen Fähigkeiten müssen deshalb nicht geringer sein. Das ist deshalb wichtig, weil man ja mittlerweile daran denkt, bei steigender Lebenserwartung länger arbeiten zu lassen, was ich nur befürworten kann. Abgesehen vom späteren Pensionseintritt würde das ja auch mehr Training für das Gehirn bedeuten, was auch im Alter ganz wichtig ist. 

Die Bedeutung der Geriatrie steigt mit der zunehmenden Lebenserwartung...

Tragl: Wir merken das auch im Krankenhaus sehr deutlich: Die 
Patienten im Krankenhaus werden immer älter, und sie werden auch mit immer schwereren Krankheiten aufgenommen. Das sieht man auch in den Intensivstationen, wo immer mehr multimorbide Hochbetagte liegen. 

Wie sieht die geriatrische Versorgung in Österreich aus?

Tragl: Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen verlangt, dass bis zum Jahr 2005 österreichweit in 52 Abteilungen insgesamt 2049 Betten für geriatrische Patienten vorgehalten werden. Das ist natürlich viel zu wenig, aber es ist einmal ein Beginn. Die Gefahr droht, dass Betten nur einfach vom Namen her geändert werden, dass sich aber sonst nichts tut. Bei uns im Donauspital sind insgesamt 40 Betten für die Geriatrie geplant, heuer werden wahrscheinlich 20 davon realisiert. 

Wie sollen denn diese Abteilungen oder Stationen konzipiert sein?

Tragl: Diese multimorbiden Patienten müssen selbstverständlich gut betreut werden; es kann also nicht sein, dass zum Beispiel in der Nacht keine Röntgenuntersuchungen oder kein Labor möglich sind. Eine umfassende Versorgung rund um die Uhr muss gewährleistet sein. Geführt werden sollen diese Abteilungen von speziell geriatrisch ausgebildeten Fachärzten, die vorrangig Internisten oder Neurologen sind. Wichtig ist auf jeden Fall ein multidisziplinäres Team. 

Wie erfolgt die Auswahl der geeigneten Patienten?

Tragl: Die Patienten müssen erst ein Assessment bestehen, ob sie die Richtlinien für eine Aufnahme an diese geriatrische Station oder Abteilung auch wirklich erfüllen. Dieses Assessment wird vom Personal der Abteilung durchgeführt; das heißt, ein ’Zutransferieren’, zum Beispiel von der Aufnahmestation oder einer anderen Abteilung, wird sicher nicht möglich sein. Die geriatrische Station selbst entscheidet, welcher Patient geeignet ist und welcher nicht. Das Assessment wird natürlich für alle offen sein. Auch niedergelassene Allgemeinmediziner oder Fachärzte können einen Patienten zu diesem Assessment anbieten. Es kann nicht sein, dass andere Stationen ihre Prok-Patienten auf einer solchen geriatrischen Station ’ablagern’. 

Wie sieht es denn mit der Facharztausbildung für Geriatrie in Österreich aus?

Tragl: Geplant ist, einen Additivfacharzt "Klinische Geriatrie" zu schaffen. Leider legt sich da zur Zeit die Ärztekammer quer. Aber wenn wir nicht anderen Ländern Europas und Amerika nachhinken wollen, muss etwas passieren. Es gibt in einigen europäischen Ländern ja schon Lehrstühle für Geriatrie. Bei uns hat die Fakultät den Lehrstuhl ausgeschrieben, die Bewerbungen sind längst abgelaufen. Es geht eigentlich nur mehr darum, dass der Lehrstuhl auch besetzt wird. Aber bis heute wurde keine Entscheidung getroffen. 

Worauf soll der Allgemeinmediziner im Zusammenhang mit geriatrischen Patienten achten? 

Tragl: Das Wichtigste ist sicher die Multimorbidität. Es ist selten so, dass ein älterer Mensch eine Krankheit allein hat. Nehmen wir als Beispiel die Gefäßkrankheiten: Wenn ein Patient zum Hausarzt kommt mit einer Claudicatio, dann hat er mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine koronare Herzkrankheit oder ein Karotisproblem. Zur Fortbildung sehr zu empfehlen ist das Geriatrieseminar, das die Ärztekammer ja mit einem Diplom unterstützt. Der Zustrom ist gewaltig. Dieses Geriatrieseminar geht über 2 Jahre und wird jedes Jahr an 4 Wochenenden zu jeweils 2 Tagen abgehalten. 

Welche sind Ihre persönlichen Wünsche die Geriatrie betreffend? 

Tragl: Erstens die Besetzung des Lehrstuhles für Geriatrie durch die Fakultät und zweitens die Einrichtung zumindest des Additivfaches für Klinische Geriatrie in Österreich, wenn nicht überhaupt eines eigenen Facharztes für Geriatrie.

Dr. Hannelore Nöbauer, Ärzte Woche 42/2002

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