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Pflege 10. April 2006

Altersdepression ist kein Schicksal

Die Verordnung von Antidepressiva bei älteren Menschen hat in den vergangenen zehn Jahren einen grundsätzlichen Wandel im Ausmaß eines Paradigmenwechsels erfahren. "Diese positive Entwicklung hat zwei Gründe: Zum einen erfolgte ein massives Umdenken, das heißt, man nimmt es nicht mehr als gegeben hin, dass ein alter Mensch automatisch ein bisserl depressiv, ein bisserl vergesslich bis dement wird", so OA Dr. Georg Psota, Leiter des GerontoPsychiatrischen Zentrums in Wien. 

"Aus Studien wissen wir, dass 25 Prozent der über 65-Jährigen depressiv sind und ein Viertel der über 80-jährigen dement. Doch die jeweils restlichen 75 Prozent sind es eben nicht!", betont Psota. "Zum anderen stehen uns durch die laufende Entwicklung im pharmakologischen Bereich immer bessere, das heißt vor allem immer nebenwirkungsärmere Antidepressiva zur Verfügung", so Psota. Erschütternd ist allerdings - so Psota weiter - die Tatsache, dass etwa 80 Prozent der Depressiven nicht behandelt werden! Und nur fünf Prozent erhalten eine Therapie, die den Kriterien der Evidence-Based-Medicine entsprechen. Die restlichen 15 Prozent erhalten eine Medikation, die sozusagen "optimierungsbedürftig" ist. 

Die Antidepressiva (AD) können systematisch eingeteilt werden:

Tri- und Tetrazyklika

Zu den typischen Nebenwirkungen der Trizyklika (Amitriptylin, Clomipramin und Doxepin) zählen die ausgeprägten kardialen Reizleitungsstörungen. Zusätzlich bestehen anticholinerge Wirkmechanismen, wobei besonders darauf hinzuweisen ist, dass die kognitiven Leistungen über ebendiese Rezeptoren laufen.
Tetrazyklische AD, wie Maprotilin, zeigen aufgrund ihres Eingreifens in das noradrenerge System ebenso kardiale, jedoch weniger acetylcholinerge Nebenwirkungen.

Selektive Serotonin  - Reuptake Inhibitoren (SSRIs)

Aus dieser Gruppe weist nur noch Paroxetin geringe anticholinerge Wirkung auf. Bei Fluoxetin, Citalopram und Sertralin sind die gastrointestinalen Nebenwirkungen erwähnens- und beachtenswert sowie die akathisieähnlichen Unruhezustände und die sexuelle Dysfunktion.

Neue, dual wirkende Antidepressiva (SNRI, NaSSA)

Mirtazapin, Venlaflaxin, Milnacipran und Reboxetin werden zu dieser Gruppe gezählt. Sie greifen in die noradrenerge und serotonerge Steuerung ein und sind im Allgemeinen sehr gut verträglich. SNRI: Serotonin- und Noradrenalin Reuptake Inhibitor; NaSSA: Noradrenerg und spezifisch serotonerges Antidepressivum

Grundsätze der Therapie

  • Im Nebenwirkungsspektrum (siehe Tab.) ist besonders auf anticholinerge Erscheinungen zu achten, die sich peripher als Mundtrockenheit, Reizleitungsstörungen, Dysurie und glaukomauslösend bemerkbar machen können; zentral können sie sich als delirante Zustandsbilder und kognitive Einbußen manifestieren.
  • Zur Dosierung gilt prinzipiell: Start low, go slow!
  • Besondere Aufmerksamkeit ist der Tatsache des höheren Suizidrisikos bei älteren Menschen zu schenken; Suizide werden meist präzise geplant und erfolgreich durchgeführt.

"In der Praxis ist es unentbehrlich, dass der Allgemeinmediziner leichte und unkomplizierte mittelschwere Depressionen behandelt, leiden doch bis zu 25 Prozent der den Praktiker konsultierenden Menschen an Depressionen", so Psota. "Die Überweisung zum Psychiater ist erst dann erforderlich, wenn sich bei einer mittelschweren behandelten Depression nach vier Wochen keine Besserung einstellt, sowie bei schwer beziehungsweise agitiert depressiven Patienten." Bei antriebsarmen Patienten lassen Serotonin Reuptake Inhibitoren ein gutes Ansprechen erwarten. Weitere Optionen stellen das Venlafaxin und das Milnacipran aus der Gruppe der neueren Antidepressiva dar.  Steht die Agitiertheit im Vordergrund, so ist Mianserin oder Trazodon der Vorzug zu geben. 

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