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Pflege 30. Juni 2005

"Im Alter wird nur abgebaut" - völlig falsch!

"Ausgehend von der Entwicklungsstheorie über die gesamte Lebensspanne ist es wichtig hervorzuheben, dass Entwicklung in jedem Alter durch Verluste und Gewinne, "losses" und "gains", gekennzeichnet ist", sagt Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, Institut für Pschologie, Universität Wien. Daraus ergäben sich wesentliche positive Schlussfolgerungen für die Zeit des höheren Lebensalters, in dem es eben nicht nur zu Verlusten von Fähigkeiten und Kompetenzeinschränkung kommt, sondern auch zu altersspezifischer Leistungssteigerungen. 

Übungen verbessern Leistung

"Ab den späten 70er-Jahren konnte in zahlreichen Studien nachgewiesen werden, dass auch alte Menschen neue Fertigkeiten erwerben können, Stichworte sind die "Biographische Intelligenz" oder das "Konzept der Weisheit". Auch eine Leistungsverbesserung durch Übungen oder Training ist zu erzielen", berichtet Kryspin-Exner und zitiert auch die rezente psychogerontologische Grundlagenforschung, die zeigt, dass kognitive Funktionen auf unterschiedliche Art und Weise altern und völlig unterschiedliche Adaptationsmuster entstehen: "Kognitive Leistungen, insbesondere Intelligenz, werden als multimodal und multidimensional definiert und beschrieben, wofür die Plastizitätsidee Voraussetzung ist." Der Abbau vollziehe sich nicht gleichförmig und generell, was ein Argument gegen das Defizitmodell sei. 

Die Psychologin weiter: "Während wir die motorische Geschicklichkeit relativ früh abbauen, ist ein Optimum an Gedächtnisleistung im dritten Lebensjahrzehnt zu verzeichnen. Im fortgeschrittenen Lebensalter werden spezifische Funktionen wie zum Beispiel Urteilen und Vergleichen, Phantasie oder Problemlösungsfähigkeit hingegen besser." Ist die Defizitorientierung in der Therapie dominierend, kommt es zu einer Vernachlässigung der vorhandenen Stärken, die in weiterer Folge ebenfalls eingeschränkt werden.

Auch die gerontopsychologische Diagnostik beschreitet neue Wege, weiß Kryspin-Exner: "Beim ’Testing the Limits’-Ansatz ist die Prozessorientierung wegweisend. Die Wiederholung von Testbatterien ermöglicht eine differenzierte Beurteilung der verschiedenen Testergebnisse. Kognitive Potenziale, also Kapazitätsreserven, werden zuverlässiger erfasst. Zeigt sich in diesem Testverfahren ein Plastizitätsmangel, so kann dieser prädiktorisch verwendet werden." Zusätzlich hätte es sich als notwendig und auch sinnvoll erwiesen, eine Trennung in "junge Alte" (bis etwa 80 Jahre ) und "alte Alte" (jenseits des 80. Lebensjahrs) vorzunehmen. 

"Die differenzierte Sichtweise der Abbauprozesse ist für eine zielführende und adäquate Förderung nötig, zumindest eine Gliederung in starke, mäßig schwere, sowie leichte kognitive Beeinträchtigungen, denn nur so kann eine individuell angepasste Therapie/Training erfolgen, andernfalls käme es sehr leicht zu Unter- oder Überforderungen", hebt Kryspin-Exner hervor. Kognitive Interventionsstudien weisen deutlich auf eine Vernachlässigung des in der "junge Alte"- Gruppe vorhandenen Potenzials hin; die Realisierungsmöglichkeit der vorhandenen Ressourcen ist als Ziel anzusehen und als wesentlicher Beitrag zu unserer Gesellschaftorganisation zu positionieren. In diesem Zusammenhang weist Kryspin-Exner darauf hin, dass die "jungen Alten" ja bereits begonnen haben, eine spezifische "Alterskultur" zu etablieren. 

Die "alten Alten" sind als Kollektiv signifikant häufiger durch negative Konnotationen (im Bereich Gesundheit, Kognition, Persönlichkeit oder einfach im Alltagsleben) gekennzeichnet, doch gibt es auch hier vereinzelt Menschen, die keinen generellen Abbau kognitiver Funktionen aufweisen. "In umfangreichen Arbeiten wurde schon in den 80er-Jahren darauf hingewiesen, dass kognitive Therapiemöglichkeiten zwar kurzfristig wirksam sind, aber keine Langzeiteffekte erwartet werden dürfen, wenn das Training nicht kontinuierlich fortgeführt wird", gibt Kryspin-Exner zu bedenken und ist überzeugt, dass in das Training auch Kommunikation mit einbezogen werden muss, denn: "Geistige Leistungsverminderung führt zu Kommunikationsstörungen und somit zur sozialen Deprivation".

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