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Pflege 30. Juni 2005

"Pro Aging" sollte das Motto lauten

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Franz Böhmer, dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, über aktuelle Trends und Entwicklungen.

Was hat sich denn im vergangenen Jahr in der Geriatrie getan?

Böhmer: Bezüglich der Facharztausbildung oder dem Additivfach Geriatrie hat es im vergangenen Jahr insofern nichts Neues gegeben, als dass die Ärztekammer nach wie vor vehement dagegen ist. Es wird argumentiert, dass der Hauptteil der älteren Patienten von den niedergelassenen Allgemeinmedizinern betreut wird und deswegen der Facharzt für Geriatrie gar nicht notwendig ist - was meiner Meinung nach einem Verkennen der Situation entspricht. In anderen Ländern wird diese Frage überhaupt nicht mehr diskutiert.
Auch der Lehrstuhl ist ja noch immer nicht besetzt. Seit über zwei Jahren hat hier noch keine Entscheidungsfindung stattgefunden.
Das Einzige, was es in Richtung Ausbildung bei uns gibt, ist das Geriatriediplom der österreichischen Ärztekammer, das enorm boomt.

Woher kommen denn die Ressentiments der Ärztekammer?

Böhmer: Viele in der Ärztekammer sind Allgemeinmediziner. Ich nehme an, dass es ein Konkurrenzdenken ist, was ich allerdings überhaupt nicht verstehen kann, weil ja keinem Praktiker irgendetwas weggenommen wird. Sollte es einmal ein Additivfach für Geriatrie geben, wird den Allgemeinmedizinern kein einziger Patient fehlen. Es geht nur um die Ausbildungsqualität im Bereich der Geriatrie, die gehoben werden soll. Die Allgemeinmediziner sind meiner Meinung nach die Wichtigsten, die alte Menschen betreuen, nach dem Slogan: der Praktiker ist der Geriater der ersten Front. Aber das heißt nicht, dass deswegen der Additivfacharzt schlecht ist.

Wie sieht es denn mit der Umsetzung der Pläne des ÖBIG bezüglich der Akutgeriatrie aus?

Böhmer: Ich glaube, dass die Umsetzung der Pläne sehr gut im Laufen ist. In den ÖBIG-Strukturstandards steht ganz genau drin, welche Einrichtungen jederzeit verfügbar sein müssen und welches therapeutische Setting innerhalb von 24 Stunden erreichbar sein muss. Die Zeiten der selbsternannten Sparmeister und Neider, die geglaubt haben, die Akutgeriatrie besteht aus einem Zimmer mit Betten und einem Stethoskop, die sind, glaube ich, vorbei.

Das Leitthema des Geriatriekongresses in Bad Hofgastein hat heuer gelautet: "Kann man Altern verzögern?" Wie stehen Sie dazu?

Böhmer: Wir haben versucht, mit seriösen Geriatern und Gerontologen darzustellen, ob man Altern überhaupt verzögern soll oder nicht und ob man es kann oder nicht. Viele sehr journalistisch aufbereitete Vorträge haben den Menschen Antiaging versprochen, aber wir meinen, dass wir eigentlich für Proaging sein müssten, weil es ja sinnvoll ist, diese Jahre mit Leben und Qualität zu erfüllen und nicht gegen die Jahre zu kämpfen. Die Zeit können wir soundso nicht aufhalten, die geht unabänderlich weiter. Es geht nur darum, wie man diese Zeit gestaltet. Wir werden auch den Begriff "alt" neu bewerten müssen. Die Phase von der Pension bis zum Tod ist so lange, dass das Wort "Altern" nicht mehr greift. Wenn Sie vielleicht mit 55 in Pension gehen und mit 90 oder 95 sterben, sind es 40 Jahre. Das beschreibt nicht das Altern. Ich glaube, wir müssen da andere Begriffe finden, um diese Lebensphase irgendwie einzuteilen oder irgendwie zu klassifizieren. Wir brauchen andere Begrifflichkeiten für diese Lebensphase. Der Begriff "Alter" geht an dem vorbei, was wir jetzt an Menschen zwischen 55 und 100 Jahren sehen. Man kann in Pension sein und dennoch Hervorragendes leisten.

Hier geht es ja auch um die Gestaltung des Alterns...

Böhmer: Und da ist wieder die Frage der Eigenverantwortlichkeit, auch wenn man das nicht gerne hört. Jeder Einzelne muss sein Konzept entwickeln, wie er gesund alt werden möchte. Das ist im Sinne einer Prävention erforderlich. Und das verlangt natürlich auch ein Umdenken bei den herkömmlichen Gesundenuntersuchungen. Die berühmten vier "geriatrischen I´s", also Immobilität, Instabilität, Inkontinenz und intellektueller Abbau finden viel zu wenig Beachtung. Zum Beispiel wird die Inkontinenz in keiner Weise erfragt bei der Vorsorgeuntersuchung und die Hirnleistungsstörung schon gar nicht. Und das sind die Probleme, die uns im Alter dann große Sorgen machen, weil es eine große Anzahl von Patienten gibt mit diesen Beeinträchtigungen.

Welche Wünsche haben Sie denn als Präsident der Gesellschaft?

Böhmer: Erst einmal die Etablierung des Additivfaches für Geriatrie. Der Universität wünsche ich den Mut, den Lehrstuhl zu besetzen. Dann dass die Entwicklung der Akutgeriatrie so weiter geht wie bisher. Und ich wünsche mir mehr internationale Kontakte der österreichischen Geriatrie mit den umliegenden Ländern. Da sind wir noch relativ isoliert. Immerhin ist es uns aber gelungen, den Europäischen Geriatriekongress im September 2004, dem Jahr der EU-Erweiterung, nach Wien zu bringen.

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