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Pflege 30. Juni 2005

Fahrtauglich trotz Medikamenten?

"Medikamenteneinnahme schränkt die Fähigkeit zur sicheren Verkehrsteilnahme ein" - diese häufige Meinung darf laut Privatdozent Dr. Rupert Püllen von der Medizinisch Geriatrischen Klinik der Frankfurter Diakoniekliniken Mühlbergkrankenhaus in Frankfurt/Main nicht unwidersprochen bleiben. Unter strenger Indikationsstellung sowie eingehender Aufklärung ist die medikamentöse Therapie auch älterer Patienten mit dem Autofahren durchwegs in Einklang zu bringen.

Relevante Einflussfaktoren

"Das Autofahren zählt zu den komplexen Tätigkeiten, die ein hohes Anforderungsprofil an Reaktionsgeschwindigkeit, Vigilanz und auch Erfahrung stellen", so Püllen.
Die Medikamenteneinnahme, die Grundkrankheit an sich (zum Beispiel Epilepsie, Depression, Diabetes mellitus) und alternsphysiologische Veränderungen wie herabgesetzter Visus oder auch kognitive Einschränkungen zeigen Auswirkungen auf das Fahrverhalten beim älteren Menschen.
Wichtige Aspekte stellen die gesammelte Fahrerfahrung dar und natürlich die Verkehrssituation (Tageslicht/Dunkelheit, Verkehrsaufkommen). Das Kraftfahrzeug an sich ist ein weiterer Sicherheits- oder auch Risikofaktor.
Püllen: "Der Arzt ist bei der Verschreibung eines Medikamentes verpflichtet, den Patienten darauf hinzuweisen, dass die Einnahme eines Medikamentes die Fahrtauglichkeit einschränken kann. Im Schadensfall kann der Arzt bei Verletzung dieser Aufklärungspflicht haftbar gemacht werden. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, die erfolgte Aufklärung des Patienten zu dokumentieren."
Aus dem deutschen Arzneimittelreport 1996 geht hervor, dass 54 Prozent der Arzneimittelverordnungen für Patienten jenseits des sechzigsten Lebensjahrs vorgenommen werden. Statistisch gesehen hat jeder über Sechzigjährige eine Dauertherapie mit drei Medikamenten.
Die multifaktoriell veränderte Pharmakokinetik und Pharmakodynamik sowie die verlängerte Wirkdauer und Halbwertszeit bei eingeschränkter Nieren- und/oder Leberfunktion sind in der Dosierung immer zu bedenken.

Bedeutung einzelner Medikamentengruppen

  • Benzodiazepine gehören zu der Gruppe von Medikamente, deren Einnahme unabhängig vom Alter mit erhöhtem Unfallrisiko einhergeht. Einer deutschen Untersuchung zufolge ist das Wissen über die Benzodiazepineinnahme vom Patienten bei weniger als 50 Prozent anzusetzen. Und wie bei keiner anderen Substanzgruppe ist die Indikation so unklar wie hier. Doch besonders bei der Beurteilung der Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit durch Neuroleptika ist eine besonders differenzierte Betrachtung erforderlich.
    Eine kanadische Untersuchung von Hemmelgarn et altera an älteren FahrerInnen zwischen dem 66. und 85. Lebensjahr ergab eine signifikant höherere Unfallgefahr in der ersten Therapiewoche mit langwirkenden Benzodiazepinen. Bei Langzeiteinnahme bestand nur noch eine gering erhöhte Gefahr.
    Für die Einnahme von kurzwirksamen Benzodiazepinen konnte kein erhöhtes Unfallrisiko nachgewiesen werden.

  • Gut untersucht ist die Substanzgruppe der Antidepressiva bei älteren Patienten. "Insgesamt erhöht die Einnahme dieser Medikamentengruppe die Unfallgefahr, allerdings in Abhängigkeit der Substanzklasse und Dosierung", erklärt Püllen. Zurückzuführen ist die Risikoerhöhung auf das jeweilige Nebenwirkungsprofil der Antidepressiva. Hier sind vor allem Sedierung, Akkomodationsstörungen und kardiale Nebenwirkungen zu erwähnen. Tri- und tetrazyklische Antidepressiva führen zu einer ungünstigeren Beeinflussung der Verkehrssicherheit beim älteren Menschen als SSRI (Selektive Serotonin Reuptake Inhibitoren).

  • Auch bei den Antihistaminika, wie bei den Antidepressiva, kann die Grundkrankheit per se schon zu einer Fahrbeeinträchtigung führen. Für die allergische Rhinitis beispielsweise ist die ungünstige Beeinflussung nachgewiesen. Ältere Substanzen (zum Beispiel Diphenhydramin) weisen eine deutlich ausgeprägte sedierende Komponente im Vergleich zu den neueren (Fexofenadin, Loratadin) auf und sind zusätzlich oft rezeptfrei erhältlich.

  • Auch Muskelrelaxantien beeinträchtigen die Verkehrssicherheit. Begründet in der oft langen Halbwertszeit und beträchtlichen Tagessedierung ist der Patient eingehend über die Nebenwirkungen zu informieren.

  • Der Einsatz von NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) bei älteren Fahrern korrelliert mit erhöhtem Unfallrisiko unabhängig von der Grundkrankheit.

  • Die Datenlage bezüglich der Opiate und Opiodanalgetika ist uneinheitlich. So fanden Leville et al. ein relatives Risiko von 1,8. In der Langzeittherapie mit Morphinen (209mg/d) bei Tumorpatienten hingegen konnte kein wesentlicher Einfluss auf verkehrsrelevante Funktionen festgestellt werden.

All diesen Untersuchungsergebnissen zufolge bedarf es der Beachtung, ob es sich handelt um:

  • Behandlungsbeginn oder stabile Dauertherapie

  • Dosisänderung

  • Begleitmedikation

  • Zeitpunkt der Einnahme

  • Cave: Kombination mehrerer Medikamente

  • Cave: Alkohol

Püllen: "Noch einmal ist zu betonen, dass es besonders beim älteren Menschen um ein strenge Indikationsstellung geht und die Auswahl der Medikamente unter dem besonderen Gesichtspunkt der Fahrtauglichkeit zu erfolgen hat. Auch die Aufklärung des Patienten ist ein wichtiger Punkt. Und besondere Vorsicht ist bei Therapiebeginn und Dosisänderung angebracht."

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