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Pflege 30. Juni 2005

Wenn alte Menschen Schluss machen

"Der Suizid des alten Menschen in Österreich ist, wie aus Daten des statistischen Zentralamtes hervorgeht, besonders bei Männern zu einem großen Problem geworden. Die Rate der über 85-jährigen Männer, die sich suizidieren, liegt fast 140 Prozent über der Rate der Altersgruppe der 60 bis 64-jährigen", erklärt Dr. Vera Pfersmann, Oberärztin an der psychiatrischen Akutstation im Donauspital SMZ-Ost, Wien.

Wodurch ist der Suizid im Alter gekennzeichnet?

Pfersmann: Dazu ist allgemein zu bemerken, dass wir in Österreich gemeinsam mit Frankreich, der Schweiz, Belgien und Dänemark eine hohe Suizidrate haben, das heißt 20 Selbsttötungen pro Jahr auf 100.000 Österreicher gerechnet.
Auffalllend ist, dass in Österreich besonders ältere Menschen ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an Suizid zu sterben. So haben Männer im Alter von 85 Jahren und darüber eine Suizidrate von 120, Frauen hingegen etwa 33 auf 100.000!
Dabei konnten deutliche Unterschiede in Bezug auf den Familienstand der Betroffenen festgestellt werden. Die Suizidrate Geschiedener lag weit über der Rate der Ledigen. Altersbezogen konnte eine Verschiebung der niedrigen Suizid-rate hin zu den Verheirateten gezeigt werden, die Rate bei ledigen Männern lag doppelt so hoch, die der Verwitweten drei Mal und die der Geschiedenen fünf Mal so hoch. Diese Zahlen lassen die Schlussfolgerung zu, dass für Männer der Ehestand einen Schutz vor Suizid bedeutet, für Frauen dies jedoch nicht der Fall ist.

Welche Dynamik steht hinter den hohen Selbstmordraten bei alten Menschen?

Pfersmann: Hier möchte ich vorausschicken, dass der Mensch prinzipiell ein soziales Wesen ist und die Fähigkeit, Bekanntschaften zu machen und Freundschaften aufzubauen, in der Jugend und frühen Adoleszenz am besten ausgeprägt ist, mit zunehmendem Alter hingegen abnimmt.
Eine häufig zu beobachtende Entwicklung im Alter ist auch die Abnahme der Kontakte und die natürliche Reduktion des Bekanntenkreises, was zu einer kontinuierlichen Einschränkung des sozialen Netzes und der sozialen Aktivitäten führt. Hinzu kommen noch bekannte Risikofaktoren wie Arbeitslosigkeit, Umstellung auf den Ruhestand und depressive Verstimmung. Altersphysiologische körperliche Veränderungen wie reduzierte Beweglichkeit, vermindertes Seh- und Hörvermögen sowie Einbußen der kognitiven Leistung und die veränderte Lernfähigkeit im Alter müssen verarbeitet werden und verlangen ein hohes Maß an Anpassung.
Unter diesen neuen Bedingungen stellt es für den alten Menschen eine hohe Anforderung dar, neue Interessen und Aktivitäten zu entwickeln.

Welche Rolle spielt die Depression in diesem Zusammenhang?

Pfersmann: Diesbezüglich stehen wir vor einem großen Problem! Nach wie vor wird die Depression noch zu wenig erkannt, zu selten oder inadäquat therapiert und trägt zur sozialen Isolation bei. Aufgrund der Alterspyramide kommt es zum Wegsterben von Freunden und Bekannten, was per se schon eine Belastung darstellt und Trauerarbeit erfordert.
Grundsätzlich kommt es im Alter zur Verstärkung bestehender Wesenszüge, die bei Neigung zu Ängstlichkeit, Misstrauen und Stimmungsschwankungen ein weiteres Hindernis in der Aufrechterhaltung der Sozialkontakte darstellen können.
Kommt es nun durch multiple Auslöser, zum Beispiel nach einem Spitalsaufenthalt, einmal zu einem sozialen Rückzug, ist es zumeist für den Betroffenen besonders schwierig, ohne Hilfe von außen ein sozial aktives Leben wieder aufzunehmen.
Im Hinblick auf die stets mystifizierte Großfamilie des vergangenen Jahrhunderts, die es in der Form in Österreich ohnehin kaum gab, muss festgehalten werden, dass auch die Kleinfamilien eine hohe Tendenz zum Zerfallen zeigen. Ist es doch der Individualismus, der in reifen Jahren mehr Entfaltungsmöglichkeit verspricht, im Alter aber eine hohe Abhängigkeit von professionellen Hilfsdiensten mit sich bringt.
Der Alterungsprozess stellt eine narzisstische Kränkung per se dar. Durch den Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten, in einer Kultur der Jugend- und Schönheitsideale, ist der alte Mensch auf die Selbstbewertung seiner Leistungen und Erfahrungen zurückgeworfen, beziehungsweise auf die Anerkennung, die er von Dritten erfährt, angewiesen. Ältere Menschen, die erkennen, dass sie ihren Lebensabend erreicht haben, neigen zum Bilanzieren, sowohl in positiver als auch negativer Weise. Daher ist es in dieser Lebensphase von besonderer Bedeutung, das Gefühl zu haben, immer noch eine Rolle zu spielen, geliebt und gebraucht zu werden.

Wie kann konkrete Hilfestellung aussehen?

Pfersmann: AllgemeinmedizinerInnen sind als Erste mit der Situation des Betroffenen konfrontiert. Kontaktaufnahme mit Angehörigen sowie Ressourcenabklärung betreffend die finanzielle Situation und Versorgungsmöglichkeit stehen hier im Vordergrund.
Bei unzureichender Betreuungsmöglichkeit kann sehr schnell durch triviale Alltagsanforderungen das Gefühl der Überforderung und der Hilflosigkeit enstehen.
Information und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige bieten soziale Stützpunkte, Pensionistenverbände und professionell organisierte Nachbarschaftshilfe.
Die Suizidprävention wird auch in Zukunft aufgrund der sich abzeichnenden Umkehr der Alterspyramide eine große Herausforderung darstellen! Dabei sollte der gesundheitspolitische Schwerpunkt auf die Prävention gerichtet sein, um eine Eskalation des Problems zu vermeiden. Eine besondere Aufgabe stellt der Aufbau sowie die Erweiterung bereits bestehender Strukturen zur Verbesserung der Lebensqualität im Alter dar.

Dr. Maria Radlspöck, Ärzte Woche 3/2004

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