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Pflege 30. Juni 2005

Depressionen gehören nicht zum Altwerden

"Wie in jüngeren Jahren ist die Depressionsgenese auch im Alter nicht monokausal, sondern multifaktoriell zu sehen", erklärt Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky, Facharzt für Psychiatrie, Graz: "Häufig gefundene Einflüsse sind die zunehmende Anzahl körperlicher Beschwerden und Beeinträchtigungen. Zusätzlich ist der Umgang mit physischen sowie psychischen Stressoren, bedingt durch eine vermehrte Intoleranz älterer Menschen, schwieriger als in jüngeren Jahren und so geraten viele in Disstressreaktionen."

Genese der Depression im Alter

Depression kann als Folge von Angst verstanden werden. Angstmomente spielen im Alter eine zunehmend große Rolle, etwa die Fragen: "Wie werde ich sterben? Werde ich allein sein im Alter?"
Und häufig kippt die Angst in Depression. In der Depression erfolgt dann oft der Rückzug und die Isolation.
Auch Verluste spielen eine große Rolle. "Das gesamte Leben ist von Verlusten begleitet. Im Alter ist die Reaktion auf Verlusterlebnisse mit depressiver Verstimmung häufiger als in jungen Jahren", erklärt Zapotoczky. Depression im Alter ist grundsätzlich nur aus dem Gesamtkonzept des Lebens verständlich. So spielt zum Beispiel der Mangel an Hobbies eine erhebliche Rolle, denn vertraute und sinnvolle Beschäftigungen in die Pension mitzunehmen, kann eine Erhaltung oder auch Erhöhung der Lebensqualität bedeuten.

Risikofaktoren

Ein fehlendes familiäres oder soziales Netz ist einer der häufigsten Risikofaktoren. Stark belastende Lebensereignisse wie der Tod Nahestehender, Krankheiten oder belastende sozioökonomische Lebensumstände führen bei Prädispositionierten zur depressiven Verstimmung.
Zapotoczky: "Eine langfristige mitbestimmende Komponente kann noch aus der Pubertät oder frühen Jugend stammen. Probleme und Konflikte, die damals nicht bearbeitet und gelöst werden konnten, tauchen nach Wegfallen der mitigierenden Faktoren des frühen Erwachsenenlebens in der Seneszenz wieder auf und können dann zur depressiven Verstimmung beitragen."

Häufigkeit und Verlauf

Die Gesamtprävalenz depressiver Störungen beläuft sich laut der Berliner Altenstudie auf 26,8 Prozent.
Leben alte Menschen (ab dem 65. Lebensjahr) in Privathaushalten, finden sich zu zwei bis drei Prozent ausgeprägte Depressionen. Wesentlich höher ist der Prozentsatz in Pflegeheimen, wo zehn bis fünfzehn Prozent an einer Major depression erkranken.
Diese auffallend unterschiedlichen Erkrankungsraten legen nahe, dass äussere Einflüsse die Entwicklung einer Depression fördern oder hemmen.
Leichtere Depressionen machen in Privathaushalten 12 bis 15 Prozent aus, in Pflegeeinrichtungen liegt die Häufigkeit bei 40 bis 45 Prozent.
Zapotoczky: "Die Depression beim älteren Menschen tendiert eher zum chronischen Verlauf, und häufig ist durch den Rückgang der psychischen Dynamik anstelle der Major depression eine subsyndromale Depression, von der Symptomatologie der Dysthymie nahe, zu beobachten."
Der frühe Beginn der ersten depressiven Episode erhöht das Risiko einer Chronizität im späteren Leben.
Das Vorherrschen hypochondrischer Ideen, Wahnideen (Verarmungs-, Versündigungswahn) in unterschiedlicher Ausprägung ist beim alten depressiven Menschen nicht selten. Dennoch sind äußere Ereignisse durchaus in der Lage, die Verstimmungen zu beeinflussen und kurzfristige Aufhellungen zu bewirken.
Zusätzlich ist die Depression beim alten Menschen durch große Angst gekennzeichnet. Auf diese Tatsache wird bedauerlicherweise in den diagnostischen Manualen (DSM IV, ICD 10 ) nicht eingegangen. Und nicht nur die Angst, auch die Aggression spielt eine wichtige Rolle, die in Form massiver Eigenaggression im Suizid ihren Ausdruck finden kann. Eine vor zehn Jahren für die Steiermark durchgeführte Untersuchung bezüglich Selbstmord zeigte zwei deutliche Häufigkeitsgipfel. Die Gruppe der 20- bis 40-Jährigen waren vorwiegend Frauen, die Selbstmordversuche unternahmen, während der zweite, vierfache Gipfel von 60- bis 70-Jährigen von Männer bestritten wurde, die sich erfolgreich suizidierten.
"Männer sind aufgrund mangelnder sozialer Kompetenz im Umgang mit Verlusten wie Pensionierung oder Tod nahestehender geliebter Menschen den Frauen deutlich unterlegen", so Zapotoczky.
In späteren Lebensabschnitten ist die Reaktion auf einschneidende Ereignisse oft in Ermangelung von Alternativen der Selbstmord. Anders stellt sich die Situation für Frauen im Alter dar, die in den aufgebauten und gepflegten Sozialstrukturen Halt finden.

Prognose

Als prognostisch günstig sind gute körperliche Verfassung sowie später Beginn der ersten depressiven Episode zu werten. Ungünstige Konstellationen stellen aktuelle psychosoziale Konflikte dar, zusätzlich erschwerend sind lang bestehende ungelöste neurotische Konflikte.

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