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Pflege 5. April 2006

Gibt es eine Anti-Aging-Medizin?

"Bislang ist die Terminologie ,Anti-Aging?nicht zutreffend, da wir weder altersverzögernd noch -hemmend agieren können", meint Prof. Dr. Georg Wick vom Institut für Biomedizinische Alternsforschung in Innsbruck. Und auch in Zukunft werden die genetischen und umweltbedingten Faktoren auf unsere Alterungsvorgänge Einfluss nehmen.
Altern an sich ist heute insofern ein Problem geworden, als wir in den vergangenen 100 Jahren ebensoviel Lebenserwartung dazugewonnen haben, wie in den vergangenen 10.000 Jahren zusammen. Der gesellschaftliche Zwang, für immer jung zu bleiben, wird zunehmend höher.

Die zwei großen Theorien des Alterns

Wir kennen die stochastische und die deterministische Theorie des Alterns. Als stochastisch sind zufällige, umweltbedingte Faktoren zu verstehen, während deterministisch die genetische Komponente des Alterungsvorgangs meint.
Die Umweltfaktoren jedoch wiederum können sich nur auf einem genetischen Hintergrund manifestieren. Anders ausgedrückt: "The genes load the gun and the environment pulls the trigger."
Wick: "Heute sind wir noch nicht in der Lage, risikolos in das menschliche Genom verändernd einzugreifen. Die Umweltfaktoren allerdings sind von uns sehr wohl beeinflussbar."
Als schädigende Faktoren, für die Sauerstoffradikalbildung verantwortlich, sind Hitze, radioaktive Strahlung oder proinflammatorische Zytokine zu nennen. Sauerstoffradikale können in den Proteinaufbau und Stoffwechsel eingreifen, andererseits aber auch am Genom, über Veränderungen an Transkriptionsfaktoren, wirksam werden.
So werden bestimmte Zielgene entweder vermehrt oder nicht mehr exprimiert und Zellen können den Weg in den Wachstumsstopp, Seneszenz und Apoptose einschlagen. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit der Zellaktivierung und nachfolgenden Zellteilung.
Die Glykosilierung stellt einen weiteren "Alterungsvorgang" dar. Die "advanced glycation endproducts" (AGE) werden im Laufe des Lebens durch die Einwirkung von Zucker gebildet und führen zu zusätzlichen Quervernetzungen in Proteinstrukturen, aber auch in der Doppelhelixstruktur des Genoms.
Anlässlich des verfrühten Todes des geklonten Schafes Dolly, das mit zwölf Jahren frühzeitig gestorben ist, werden dazu zwei Theorien diskutiert: der zur Klonierung verwendete Kern stammte von einem sechsjährigen Schaf, Dolly lebte weitere sechs Jahre und somit wäre die genetisch programmierte Lebensdauer erreicht. Eine andere Erklärung läge laut Wick in der mitochondrialen DNA, die in diesem Fall von der Mutter stammte und durch Sauerstoffradikale empfindlicher gestört wurde als es im Normalfall zu erwarten war.
"Wenn wir von Genen sprechen, die das Altern beeinflussen, so fällt der Ausdruck Gerontogene ein, also den Alterungsprozess steuernde Gene", meint Wick. In zahlreichen Untersuchungen aber ließ sich nachweisen, dass es sich hierbei um "virtuelle Gerontogene" handelt, die für Proteine (metabolische Proteine, die am Alter hinunterreguliert sind, ebenso wie Stressproteine und proinflammatorische Proteine, die hinaufreguliert sind) verschiedener Stoffwechselfunktionen kodieren.

Die "drei L": Lieben - Laufen - Lernen

In Zukunft wird es die Anti-Aging-Medizin zur Aufgabe haben, in diesen drei Eiweißgruppen auf genetischer Ebene einzugreifen und so für eine effiziente Transkription und eine verbesserte Translation zu sorgen. Doch die Komplexizität der Steuerungsmechanismen erfordert noch reichlich Forschungsarbeit, ehe die theoretisch erfolgversprechenden Ansätze umgesetzt werden können.
Die drei L stehen für Lieben - Laufen - Lernen. Unter Lieben ist in diesem Zusammenhang nicht nur die partnerschaftliche Liebe, Zuneigung und Sexualität zu verstehen, sondern der erweiterte Liebesbegriff wie Freundschaft, Kommunikation und soziale Kontakte, die zu pflegen sind.
Das Laufen steht hier für Bewegung und altersangepassten, pflegsamen Umgang mit dem Körper.
Ergänzend ist der ununterbrochene Lernprozess im Leben eines Menschen zu sehen. "Nur so ist der Einzelne in der Lage, seine genetisch vorprogrammierte Lebenszeit optimal zu nutzen", meint Wick.
Zur Kalorienrestriktion ist wohl im Tiermodell der Nachweis des längeren Überlebens gelungen, ob dies jedoch direkt auf den Menschen umzusetzen ist, bleibt fraglich. Die klinischen Erfahrungen jedoch deuten darauf hin, dass sich unter den "Hochbetagten" kaum adipöse Menschen finden.

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