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Pflege 30. Juni 2005

Die Hyperaktive Blase beim alten Menschen

Die hyperaktive Blase zählt zu den häufigsten Erkrankungen älterer Menschen. Man kann annehmen, dass in der Bevölkerung Österreichs etwa 560.000 Frauen und 105.000 Männer diese Symptomatik so erleben, dass sie mit Verlust von Lebensqualität verbunden ist.

Prim. Dr. Franz Böhmer, Ärztlicher Direktor im SMZ Sophienspital Wien : "Oftmals klagen Patienten über ’Probleme mit der Blase’, über den unwiderstehlichen Drang zur Toilette, über häufigen, auch nächtlichen Harndrang, dem dann häufig kein erleichternder Erfolg beschieden ist."

Doch sind nicht alle Patienten mit Blasen-Entleerungs-Störungen auch tatsächlich als inkontinent zu bezeichnen. Abgesehen davon liegen häufig kombinierte Formen vor, eine klare Trennung der funktionellen Inkontinenz ist daher nicht immer möglich.

Diagnostischer Leitfaden

Therapeutische Misserfolge bei der Behandlung der Harninkontinenz beruhen hauptsächlich auf einer unzureichenden Diagnostik. Die Abklärung der Harninkontinenz beim älteren Menschen sollte stufenweise erfolgen (siehe Kasten). Sie umfasst eine Basisdiagnostik durch den Hausarzt, der bei eindeutigem Befund einen Therapieversuch einleiten kann. Bei pathologischer Basisuntersuchung oder bei primärem Therapieversagen ist unbedingt eine weiterführende, vertiefende Diagnostik beim Spezialisten erforderlich.

Eine Überweisung an den Spezialisten ist notwendig, wenn einer der folgenden pathologischen Befunde vorliegt:

Benignes Prostatasyndrom (BPS), Restharn über 50 Prozent der Blasenkapazität, therapieresistenter Harnwegsinfekt, pathologischer Sonographiebefund, Genitalveränderungen, neurologische Erkrankungen und Stoffwechselerkrankungen mit bekannter Auswirkung auf die Harnblase, (Mikro-) Hämaturie oder Primärtherapieversager.

Die Pharmakotherapie

Die Domäne der Pharmakotherpaie ist die Dranginkontinenz. Die Harndranginkontinenz ist auf ein Ungleichgewicht von hemmenden und stimulierenden Impulsen auf den Miktionsreflex bedingt. Auch eine inaktive Beckenbodenmuskulatur kann eine weitere Ursache der Dranginkontinenz sein. Die Dranginkontinenz bei der Frau tritt praktisch erst mit der Menopause in Erscheinung und wird mit zunehmendem Alter immer häufiger.

Steht gehäufter, imperativer Harndrang mit hoher Blasenentleerungsfrequenz im Vordergrund, so kann ein Kontinenztraining sinnvoll durch die Pharmakotherapie ergänzt werden.

Medikamente, die den Blasenmuskel entspannen, vergrößern die Blasenkapazität, senken dadurch die Miktionsfrequenz und machen die Blase leichter steuerbar. Ihre Wirkung beruht auf einem anticholinergen Effekt oder einem direkt spasmolytischen Effekt.

In erster Linie sind es die tertiären Amine, Oxybutinin, Propiverin und Tolterodine, sowie die quartanäre Ammoniumbase Trospiumchlorid, die heute eingesetzt werden. Die Pharmakotherapie sollte immer gemeinsam mit einem Kontinenztraining durchgeführt werden.

Gerade bei älteren Menschen, die mehrere Medikamente einnehmen, sind immer wieder Pharmako-Interaktionen zu beachten. So können bestimmte Antiparkinsonmittel, Neuroleptika und Antidepressiva die anticholinergen Symptome verstärken. Medikamente zur Motilitätssteigerung des Darmes können die anticholinergen Effekte abschwächen.

Bei immobilen oder dementen Patienten ist eine adäquate Versorgung mit einem Inkontinenzhilfsmittel angezeigt. Eine instrumentelle Harnableitung ist indiziert, wenn eine chronische Retention oder eine inkontinenzbedingte Hautaffektion vorliegen oder wenn bei mutlimorbiden Patienten keine andere Form kausaler Therapie möglich erscheint.

Sozioökonomische Aspekte

"Durch die Harninkontinenz kommt es zum Rückzug der Betroffenen von sozialen Aktivitäten, zur Förderung der Depressionsentwicklung und zur Belastung der durch die physischen und psychischen Probleme überforderten Angehörigen", so Böhmer.

Alle Maßnahmen der Prävention und sinnvollen Behandlung sind angezeigt und auch volkswirtschaftlich gerechtfertigt, da Inkontinenz, insbesonders im Alter, die Gesundheitskosten erheblich belastet und die Lebensqualität der Betroffenen wesentlich einschränkt.

Quelle: Vortrag von Prim. Dr. Franz Böhmer, Ärztlicher Direktor im SMZ Sophienspital Wien anlässlich des Inkontinenztages im Geriatriezentrum am Wienerwald am 13. Februar 2001

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