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Pflege 30. Juni 2005

"Gewalt ist menschlich"

Die personelle Unterversorgung sowie strukturelle Probleme führen zu einer Überforderung des Pflegepersonals und verhindern damit einen respektvollen Umgang mit den Patienten.

"Die Grenzen zwischen der Ausübung von Gewalt einerseits und der Fürsorge- und Aufsichtspflicht andererseits sind schwierig festzulegen, da sie von teilweise divergierenden Perspektiven abhängig sind", sagte der Gerontopsychiater Prof. DDr. Rolf Hirsch von der Rheinischen Landesklinik Bonn gleich zu Beginn seines Vortrages im Geriatriezentrum am Wienerwald. Gewalt ist nicht nur aktive und körperliche Misshandlung oder Vernachlässigung der betroffenen Person, mit Gewalt kann jedes Handeln, welches realisierbare, grundlegende und menschliche Bedürfnisse durch eine direkte, strukturelle oder kulturelle Determination einschränkt, gleichgesetzt werden.
"Allerdings hat jede Institution auch ihre eigenen Regeln und Vorschriften, die das Personal betreffen. Das Personal ist der strukturellen Gewalt durch schlechte Arbeitsbedingungen, ungünstiges Arbeitsklima, unzumutbare bauliche Gegebenheiten, aber auch durch Personalmangel und der Angst vor Sanktionen ausgeliefert. Gewalt ist menschlich", so Hirsch.

Fremdbestimmung ist Gewalt

Wenn man Gewalt, die als ein menschliches Phänomen Teil des Alltags ist, verstehen und Alternativen schaffen will, müssen mehrere Ebenen miteinbezogen werden. Dazu gehören die Träger, die Leitung und Mitarbeiter der Institution, aber auch Patienten beziehungsweise Heimbewohner sowie politisch Verantwortliche, Behörden und Justiz. Respektvoller Umgang mit der Autonomie jedes Beteiligten gehört zu den Grundbedingungen in Institutionen. Es muss auch zwischen allgemeingültigen Rahmenbedingungen und persönlicher Moral unterschieden werden. Ein Beispiel ist die umstrittene Einführung der elektronischen Sicherheitsbänder, die ein "Entweichen" der Patienten verhindern sollen. Auch pharmakologische Hilfsmittel werden manchmal zum Schutz des Patienten angewandt, stellen für ihn jedoch durch die Nebenwirkungen ein Übel dar.
"Jede Fremdbestimmung stellt eine Form der Gewalt dar", erklärte auch Doz. Dr. Michael Ganner, Institut für Zivilrecht, Universität Innsbruck. Dazu zählen auch die Vorgaben der Essens-, Ruhe- oder Besuchszeiten, die nicht immer den individuellen Bedürfnissen entsprechen. Die Rechtsordnung muss daher zwischen strukturellen und individuellen Rahmenbedingungen unterscheiden. Dazu gehört auch die Befähigung der von Gewalt betroffenen Personen zum Selbstschutz, etwa durch Beratung und Interessensvertretung.

Schamgefühle berücksichtigen

Alle stehen in einem ethischen und gesetzlichen Zwiespalt zwischen dem Patienten selbst, den anderen Patienten, Angehörigen, Arzt und Institutsleitung. Eine Reduktion der freiheitsbeschränkenden Maßnahmen muss jedoch aktiv angestrebt werden, da diese Maßnahmen physisches, psychisches und soziales Leiden sowie problematisches Verhalten und Unfälle verursachen.
Auch die Würde des pflegebedürftigen Menschen ist unantastbar, so müssen auch dessen Schamgefühle berücksichtigt werden. Windeln und Dauerkatheter als pflegeerleichternde Maßnahmen sind menschenunwürdig und stellen eine Körperverletzung dar. Jeder Pflegebedürftige muss täglich so oft zur Toilette gebracht oder geleitet werden, wie er es wünscht. Auch Magensonden und Infusionen können nur nach medizinischer, immer wieder kontrollierter Indikation verabreicht werden, und nicht an Stelle von regelmäßiger und geduldiger Verabreichung von Mahlzeiten. Der mündige Patient muss die Möglichkeit haben, alle, auch lebensrettenden Maßnahmen verweigern zu können. Diese Autonomie gilt bei verwirrten Patienten nicht mehr.
Zu den weiteren durchzuführenden Pflegestandards gehört die tägliche Körperhygiene, mit den Möglichkeiten, gewaschen, angezogen und gekämmt zu werden sowie das Gebiss gereinigt zu erhalten. Auch ein Angebot, das Bett zu verlassen und wenigstens einmal wöchentlich an die frische Luft zu kommen, muss bestehen, wie auch, mit wenigstens einem Mitarbeiter in seiner Muttersprache reden zu können. Es muss auch dafür Sorge getragen werden, dass er nicht einsam stirbt.

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