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Pflege 30. Juni 2005

Altersepilepsien im Vormarsch

"Das Risiko an Epilepsie zu erkranken, weist im Laufe des Lebens zwei Häufigkeitsgipfel auf", erklärt Prof. Dr. Bruno Mamoli, Ludwig Bolzmann Institut für Epilepsie am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel, Wien, anlässlich des "3. Update für Neurologie 2001". 

Besonders in der ersten Lebensdekade sowie ab dem sechsten Lebensjahrzehnt ist die Inzidenz der Epilepsie erhöht. Die demographische Entwicklung der letzten Jahre hat zu einem starken Anstieg der Anfallsgeschehen bei älteren Personen geführt. Epidemiologische Untersuchungen sprechen sogar davon, dass jede zweite Epilepsie in der zweiten Lebenshälfte beginnt.

Bei älteren Patienten überwiegen fokale Anfälle mit und ohne sekundäre Generalisierung sowie symptomatische Epilepsien. Malignome, Gefäßprozesse oder Traumata im Bereich des Zentralnervensystems sowie Demenzen kommen als Ursache in Frage. Fieberhafte Zustände und Infekte sowie metabolisch-toxische Faktoren können zudem anfallsprovozierende Ereignisse darstellen. Vor allem die zerebralen Durchblutungsstörungen führen häufig zu Anfallsgeschehen im Alter. Das Risiko, innerhalb von zwei Jahren nach einem Schlaganfall eine Epilepsie zu bekommen, liegt je nach Ausmaß der Schädigung zwischen zehn und zwanzig Prozent. Auch Medikamente können epileptische Anfälle auslösen. Hierzu gehören etwa Theophyllin, vor allem bei intravenöser Applikation, verschiedene Neuroleptika und Antidepressiva sowie Penicillin und andere Antibiotika.

Nutzen-Risikoabwägung bei antiepileptischer Therapie

Die medikamentöse Behandlung ist bei Epilepsien, die erst im fortgeschrittenen Alter entstehen, durchaus zielführend. Ein Großteil der Patienten kann mit einem der verfügbaren Mittel anfallsfrei werden. Allerdings sollten Medikamente, die ausschließlich renal eliminiert werden, zum Beispiel Gabapentin, bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion oder geringer Flüssigkeitszufuhr vorsichtig dosiert werden. Meist reichen jedoch im Alter ohnehin niedrigere Antiepileptika-Dosen zur Anfallskontrolle als bei jüngeren Patienten. Allerdings reagieren ältere Personen nicht nur empfindlicher auf Antiepileptika, was die erwünschte Wirkung betrifft, sie entwickeln auch häufiger unerwünschte Nebenwirkungen. "Die antiepileptische Therapie bedarf einer sorgfältigen Nutzen-Risikoabwägung", erklärt Mamoli. "Schließlich ist das Risiko der potentiellen Nebenwirkungen bei älteren Patienten nicht zu unterschätzen." Ein 65-jähriger Patient, der die gleiche Dosis eines Antiepileptikums bekommt wie ein 40-jähriger, hat zwar einerseits eine größere Chance, anfallsfrei zu werden, auf der anderen Seite jedoch ein höheres Risiko unerwünschter Wirkungen wie Gangstörungen, Tremor oder Schwindel.

Bei der vaskulären Epilepsie können zumindest Entscheidungshilfen gegeben werden: "In jedem Fall sollte eine antikonvulsive Therapie nach dem zweiten unprovozierten Anfall eingeleitet werden. Schließlich kommt es bei neun von zehn Patienten in diesem Fall zu weiteren Anfällen", so Mamoli.

Bei einem epileptischen Anfall aufgrund eines Insultes ist das Risiko für einen unprovozierten Anfall zwar gegeben, doch vergleichsweise gering. Der Neurologe empfiehlt in diesen Fällen, auf eine entsprechende prophylaktische Therapie wie auch bei einem akzidentellen Anfall zu verzichten. "Prinzipiell ist bei der Altersepilepsie einer Monotherapie der Vorzug zu geben." Schließlich führt die bei älteren Patienten oft praktizierte Multimedikation ohnehin oft zu einer mangelnden Compliance. Zudem können Einzeltherapien besser gesteuert sowie Neben- und Wechselwirkungen weitgehend minimiert werden. Die im Alter veränderte Pharmakokinetik und -dynamik, die Änderung der hepatalen und renalen Funktion, sowie die erhöhte Sensitivität der Rezeptoren macht eine vorsichtigere Handhabung mit antikonvulsiven Medikamenten nötig. Aufgrund der geringeren therapeutischen Breite der Antiepileptika sollten die Substanzen bei älteren Patienten anfangs niedriger dosiert sowie ein längeres Intervall zwischen den Einzeldosen eingehalten werden.

Obwohl nur wenige kontrollierte Therapiestudien mit Antiepileptika im Alter vorliegen, kann man empirisch gewisse Grundaussagen zu den verschiedenen Medikamentengruppen machen. Besonders viel Erfahrung konnte man bisweilen mit Carbamazepin, Valproinsäure und Phenytoin machen. "Primidon, Phenobarbital, Vigabatrin oder Felbamat sollten wegen der bekannten Nebenwirkungen zur Behandlung der Altersepilepsie hingegen eher nicht zum Einsatz kommen." Generell erweisen sich, so Mamoli, die neueren antiepileptischen Substanzen bei älteren Patienten aufgrund ihres geringeren Interaktionspotentials und der günstigeren Pharmakodynamik als geeignet. "Vor allem Gabapentin und Lamotrigine sollten bevorzugt verabreicht werden. Auch Tiagabin und zukünftig auch Levetiracetam scheinen günstige Profile, vorerst allerdings noch lediglich als Kombinationstherapie zugelassen, aufzuweisen."

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