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Pflege 30. Juni 2005

"Die vergessenen Alten ...

Die moderne Medizin und unser Lebensstandard machen es möglich, dass die Bevölkerung immer älter wird und damit auch jene Menschen, die - latent oder offensichtlich - unter einer Altersdepression leiden. Das größte Problem bei der Altersdepression ist, dass sie viel zu selten und leider auch viel zu spät erkannt wird. 

Alter und Lebensqualität 

Auch in der Therapie schaut’s schlecht aus: Über 90 Prozent der altersdepressiven Patienten werden gar nicht oder nicht effektiv behandelt. Und leiden an einer merklichen Einschränkung der Lebensqualität: Verlust von Selbständigkeit, Angstzustände, Schlafstörungen, Verminderung des Antriebs und Übellaunigkeit. Dazu kann das Gefühl kommen, nicht denken oder sich nichts mehr merken zu können, Angst vor völligem Leistungsverlust mit totaler Vergesslichkeit und "Verblödung"; ein Gefühl des "Eigenwertverlustes" tritt ein.
Für die Entstehung einer Altersdepression können eine Menge Faktoren eine Rolle spielen.

Prim. Doz. Dr. Werner Schöny, Leiter der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg: "Die Altersdepression unterliegt in ihrer Symptomatik zwei häufigen Irrtümern. Zum einen wird sie oftmals als ,normale Alterserscheinung´ missverstanden, zum anderen gar als ,Demenz´ interpretiert.?nbsp;

Mit steigendem Alter werden Belastungen weniger gut verkraftet, die Anpassungsfähigkeit sinkt. "Es ist wesentlich, welche Lebenserfahrungen der einzelne gemacht hat. Etwa, ob jemand seinen Lebensweg mehr oder weniger unbekümmert erlebte oder aber sich bewusst auf die unvermeidbaren Schicksalsschläge des Lebens - wie den Tod der Eltern oder des Parntners - eingestellt hat", erklärt Prof. Dr. Goetz Bertha, Univ. Klinik für Psychiatrie, Graz.

Auch wenn bei einem älteren Menschen Angstzustände auftreten, dann sollte immer die Möglichkeit einer Depression in Erwägung gezogen werden. Allerdings kann sich die Altersdepression auch hinter somatischen Beschwerden verbergen, die im Alter keineswegs selten sind wie Verstopfung, Mundtrockenheit, Schwitzen, Herzklopfen etc.

Mit zunehmendem Alter - und damit im Zusammenhang mit der Altersdepression - nimmt die Zahl der Selbstmorde deutlich zu, aber bei den Männern über dem 70. Lebensjahr ist es ein beinahe explosionsartiger Zuwachs. 

Selbstmord: vor allem ältere Männer

Prof. Dr. Gernot  Sonneck. Foto: IntMedCom Prof. Dr. Gernot Sonneck, Institut für Medizinische Psychologie: "Wer meint, dass es sich bei diesen Männern um melancholisch-traurige und zurückhaltende Persönlichkeiten handelt, irrt gewaltig. Im Gegenteil, das sind meist griesgrämige, aggressive, verbitterte Gesellen, unzufrieden mit sich und der Welt, die auch für ihre Umgebung nur schwer auszuhalten sind."

Im Gegensatz zu Frauen haben diese Männer allgemein Probleme, mit seelischen Verlusten wie Versterben der Partnerin oder auch mit Verlust an Macht, Ansehen, körperlicher Leistungsfähigkeit oder sinkender körperlicher Attraktivität fertig zu werden. Während Frauen auch im Alter vielfach neue Kontakte knüpfen und vor allem auch pflegen, fehlt vielen Männern diese Fähigkeit weitgehend. "Die Grundtendenz ist: Männer wollen stark sein und sich nicht helfen lassen, sie wollen nicht auf andere angewiesen sein", so Sonnek.

Altersdepressive suchen meist keine professionelle Hilfe - und wenn sie es tun, dann entziehen sie sich mit dem Kommentar "es geht schon viel besser" bald wieder dem Zugriff der Behandlung und kehren in ihr persönliches Elend zurück. Sie wehren durch ihre missmutige, unzufriedene und negativistische Wesensart gezielt Kontakte ab. 

Ihre objektive Auseinandersetzung mit dem Alter ist mehr als mangelhaft, obwohl sie ihre Umwelt oft lange täuschen. Erreicht ihre Situation jedoch die "Jetzt ist es endgültig genug, es kann alles nur noch schlechter werden"-Phase, dann sind sie in ihrem Selbstmord sehr energisch und sorgen durch Erhängen oder Sprung aus dem Fenster, dass "nichts schief geht". 
Rechtzeitig sollten ein eigenes Netz an Aktivitäten aufgebaut und fixe Tagesabläufe und Lebensrhythmen eingehalten werden. Ziel muss sein, alte Menschen so früh wie möglich in soziale Programme zu integrieren. 

Und sollte ein alter Mensch schon unter einer Depression leiden, stehen uns immerhin gut wirksame Therapeutika, auch ohne wesentliche Nebenwirkungen, zur Verfügung. 

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