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Pflege 30. Juni 2005

Einmal zu hoch, einmal zu niedrig: Blutdruck beim alten Menschen

"Die jahrzehntelang geltende Faustregel "100 plus Lebensalter in Jahren ist gleich normaler systolischer Blutdruck" für den älteren Menschen ist obsolet", erinnert Doz. Dr. Peter Fasching, Leiter des Pflegeheims Baumgarten in Wien. "Der aus dieser Formel zu ziehende Schluss wäre nämlich, dass systolische Blutdruckwerte zwischen 180 und 200 mm/Hg unbehandelt blieben."

Fasching: "Grundsätzlich ist einmal die Frage zu stellen, ob es sich bei der Erhöhung des Blutdrucks im Alter um eine Krankheit, einen Risikofaktor oder lediglich um ein physiologisches Phänomen handelt."

Altershypertonie: Prävalenz

Zur Zunahme des systolischen Blutdrucks tragen die verminderte Elastizität der Gefäße, die Erhöhung des peripheren Widerstandes, die zunehmende Kochsalzzufuhr bei gleichzeitig verminderter Ausscheidung sowie die reduzierte beta-adrenerge Funktion und Arteriosklerose bei. Epidemiologische Untersuchungen zeigen eine Prävalenz der "Altershypertonie" von 60 Prozent bei Männern und 65 Prozent bei Frauen auf.

Als Grenzwert gilt heute ein mittlerer systolischer Druck von 155 mm Hg, die WHO sieht alle Werte größer 140 mm Hg als pathologisch an.

Hypotonie ist seltener

Eine Studie an 75- bis 85-jährigen Patienten zeigte, dass jene mit systolischen Blutdruckwerten über 180 mm/Hg eine deutlich längere Überlebenszeit aufwiesen als Patienten mit Werten unter 124 mm/Hg. Dies lässt den Schluss zu, dass eine höhere Systole als biologischer Vitalitätsparameter gewertet werden darf.

Die gegenläufige Blutdruckveränderung, die Hypotonie, wird zu einem deutlich geringerem Prozentsatz bei alten Menschen beobachtet: Etwa 10 bis 15 Prozent der 80-Jährigen und 33 Prozent der 90-Jährigen sind hypoton, was meist mit signifikanten kognitiven Einbußen verbunden ist. Ursächlich dafür wurde oft die Hypotonie angesehen, de facto aber kommt es im Alter zu degenerativen Veränderungen im Gehirn und davon mitbetroffen ist das vegetative Nervensystem. Die autonome Steuerung des Blutdrucks kann nicht mehr regelrecht erfolgen und damit kommt es zur Ausbildung der Hypotonie.

Eine weitere oft folgenschwere Blutdruckdysregulation ist die orthostatische Hypotension mit erhöhter Sturzneigung. "Die Befürchtung, dass es im Rahmen der antihypertensiven Therapie zur orthostatischen Dysregulation mit begleitender negativer Beeinflussung der kognitiven Fähigkeiten kommt, ist nicht gerechtfertigt", betont Fasching.

Start low, go slow

Bei einer Untersuchung über Blutdruckeinstellung in Pflegeheimen fand sich bei 857 der durchschnittlich 84-jährigen Patienten eine Hypertonie. Im Rahmen der suffizienten antihypertensiven Therapie konnte lediglich eine geringe Prävalenz für die Entwicklung einer orthostatischen Dysregulation beobachtet werden, bei bestehender kam es sogar zu einer Besserung der Symptomatik. Fasching erinnert daran, dass eine Therapie möglichst langsam und schonend begonnen werden und bis zur optimalen Blutdruckeinstellung engmaschig kontrolliert werden muss: "Start low, go slow." Zielsetzung der antihypertensiven älteren Patienten ist ein systolischer Blutdruck von weniger als 160 mm/Hg.

Unbedingt zu beachten bei der Blutdrucksenkung sei die Gefahr der arteriellen Minderperfusion bei schon bestehender kritischer peripherer Durchblutungsstörung. Eine Metaanalyse ergab, dass die Mortalitätsrate bei Hochbetagten durch antihypertensive Therapie nicht gesenkt werden könne, wohl aber die Herzinsuffizienz- und Insultrate um bis zu ein Drittel niedriger liege.

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