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Pflege 30. Juni 2005

Altersschwindel ohne fassbare Ursache

Alte Menschen klagen oft über Schwindel. Dieser steigert durch häufigere Stürze das Frakturrisiko. Auch nach einem Ausschluss möglicher Primärerkrankungen sollte Schwindel nicht als triviales Symptom abgetan werden. Antivertiginosa, Antiemetika, Benzodiazepine, Neuroleptika sowie durchblutungsfördernde Infusionen werden als symptomatische Therapeutika verwendet. Aber auch in der Homöopathie gibt es erwiesene Therapieerfolge. Psychotherapie und aktives Bewegungstraining können als wirksame Unterstützung eingesetzt werden.

Wie viele Menschen Schwindel haben, ist nicht bekannt. Aber mit zunehmendem Alter gibt es mehr Betroffene. Um Schwindel und Gleichgewichtsstörungen im Alter in der Hausarztpraxis abzuklären, genügen im Allgemeinen eine vollständige Anamnese und eine gründliche Untersuchung.
Dabei sollten neben einer gründlichen Inspektion, Auskultation und Blutdruckmessung ein Schellong-Test sowie eine grobe neurologische Untersuchung durchgeführt, außerdem die üblichen Laborparameter erhoben werden. Auch eine Depressionserfassung kann hilfreich sein. Eine Überweisung an den Facharzt ist meist nur dann nötig, wenn die Basisuntersuchung auf eine kardiovaskuläre, neurologische oder otologische Ursache hindeutet.
Lässt sich keine augenfällige Ursache finden, sollten Schwindel und Gleichgewichtsstörungen bei alten Patienten nicht als triviales Symptom abgetan werden. Schwindelgefühl beeinträchtigt das Wohlbefinden und ist ähnlich wie Schmerz für den Patienten ein mit Angst verbundenes Alarmsymptom. Eine symptomatische Therapie wird vom Patienten zur Erhöhung der Lebensqualität erwartet.

Antivertiginosum hilfreich

Ein Antivertiginosum wie Dimenhydrinat zu verordnen lohnt sich durchaus, das hat eine randomisierte, plazebokontrollierte Doppelblindstudie ergeben. Diese wurde im Rahmen einer Nachzulassung des Medikamentes durchgeführt. Patienten mit Alkohol- und Medikamentenabusus, Morbus Menière, Orthostase, vestibulärer Dysfunktion und Synkopen wurden ausgeschlossen. In der Woche vor Studienbeginn mussten die Teilnehmer mindestens drei Schwindelattacken gehabt haben. Sie bekamen zwei Wochen lang eine, bei Bedarf zwei 120 mg-Kapseln mit retardiertem Dimenhydrinat oder Placebo. Primärer Endpunkt war, wie stark die Häufigkeit der Schwindelattacken abnahm. Verglichen wurde die Zahl in den letzten drei Therapietagen mit der vor Therapie. Auch Attackendauer und -intensität wurden erfasst.
Von den Patienten mit dem Verum-Präparat hatten fast 20 Prozent keine Attacken mehr gehabt, mit Placebo nur drei Prozent. Bei etwa einem Drittel der Patienten wurden die Schwindelanfälle kürzer und weniger intensiv. Die Attackenzahl nahm insgesamt von im Mittel vier pro Tag vor Therapie mit dem Präparat um zwei, mit Placebo um eine ab. Die Attackendauer sank mit dem Präparat bei 32 Prozent der Patienten, die Attackenintensität bei 65 Prozent.
Insgesamt profitierten 86 Prozent der etwa 60 bis 92 Jahre alten Patienten von der Therapie. In der Plazebogruppe wurde bei 43 Prozent ein Erfolg angegeben. Gleichzeitig besserten sich alle Funktionsparameter wie mit dem Barthel-Index überprüften Alltagsaktivitäten, der Mobilitätstest nach Tinetti sowie das mit der geriatrischen Depressionskala abgefragte Befinden. Die Tagesdosiskosten hielten sich mit 51 Cent in Grenzen.

Homöopathische Therapie

Aber auch in der Homöopathie kann Vertigoheel in einer Vergleichsstudie einen Therapieerfolg verbuchen. An einer Studie mit 774 Patienten mit vestibulären Schwindel und anderen Schwindelformen wurde die eine Hälfte der Patienten homöopathisch, die andere Hälfte mit Dimenhydrat behandelt. Gemessen wurde der Erfolg an der Zahl, der Dauer und der Intensität der Schwindelattacken während der achtwöchigen Therapie. Keine Beschwerden oder eine deutliche Besserung hatten 88 Prozent der Patienten, die mit dem Homöopathikum behandelt worden waren, und 87 Prozent derer, die das Antivertigonosum erhalten hatten. Die Therapien wurden im Allgemeinen als sehr gut oder gut verträglich angegeben.

Weitere Therapiealternativen

Häufig verwendet wird Diazepam, als zentral sedierendes Medikament mit dämpfendem Effekt auf das Vestibularsystem. Auch Neuroleptika wirken dämpfend und wirken zusätzlich antiemetisch. Auf die Begleitsymptome Übelkeit und Erbrechen haben Antiemetika wie Metoclopramid eine gute Wirkung.
Alle genannten Medikamente haben als Nebenwirkung eine zentrale Dämpfung und können wiederum zu Gangunsicherheit und Benommenheit führen. Diese Medikamente sind nicht als Langzeittherapie geeignet.
Durchblutungsfördernde Infusionstherapien, zum Beispiel Pentoxifyllin und Prednisolon in Kochsalzlösung, werden auch angewandt. Auch an das Absetzen von schwindelerregenden Medikamenten soll gedacht werden.
Für symptomatische Langzeittherapie werden Vasodilatanzien, Betahistin, Meclozin, Nikotinsäurederivate oder Scopolamin empfohlen.
Mit einer angstlösenden Psychotherapie, unterstützt mit einem aktiven Bewegungstraining, erreicht der Patient schnell eine zentrale Kompensation. Setzt sich der Patient wiederholt den Reizen aus, kann es über adaptive und habituative Prozesse zu einer Minderung der Reizfolgereaktionen kommen.
Beim benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel kann mit dem Schleudermanöver nach Semont oder das Abrollen des Bogengangs nach Epley rasch ein Therapieerfolg verbucht werden. Durch dieses Manöver werden frei bewegliche Otolithen, die die Cupula durch Gravitation reizen, von der Cupula weggetragen.

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