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Pflege 30. Juni 2005

Altersdepressionen: Klinik, Diagnostik und Therapie

Unter den zahlreichen psychischen Störungen im höheren Lebensalter gehören Altersdepressionen zu den am häufigsten vorkommenden Erkrankungen.

15 bis 17 Prozent aller alten Menschen, die den niedergelassenen Arzt aufsuchen, leiden an einer depressiven Verstimmung. Noch höher ist der Prozentsatz depressiver Patienten in institutionellen Einrichtungen (Pflegeheime, Spitäler): Hier sind es 30 bis 40 Prozent!

"Etwa die Hälfte der Altersdepressionen wird nicht diagnostiziert und demzufolge auch nicht behandelt", so Prof. Dr. P. K. Fischhof, Wagner-Jauregg-Institut für klinische und experimentelle Gerontopsychiatrie, Geriatriezentrum am Wienerwald.

Definition "Altersdepression"

Altersdepressionen werden definiert als "Melancholische Zustände und depressive Verstimmungen nach dem 65. Lebensjahr". Generell haben sie ganz andere Ursachen und Symptome als Depressionen bei jüngeren Menschen.

"Von großer Wichtigkeit und Notwendigkeit ist das frühzeitige Erkennen, ist doch die Lebensqualität der Betroffenen stark eingeschränkt, außerdem besteht ein hohes Suizidrisiko und nicht zuletzt verfügen wir über gute Therapiemöglichkeiten."

Eine ausführliche Anamnese ist unerlässlich (auch über Erkrankungen, Unfälle bis hin zur "Lebensgeschichte"), des weiteren muss ein physikalischer Status gemacht werden. Acht Schlüsselfragen erleichtern die Diagnosestellung.

Differenzialdiagnostisch sind die Trauerreaktion und die Demenz in Erwägung zu ziehen. Im Rahmen der Trauerreaktion treten aber keine Schuldgefühle, Wertlosigkeitsgefühle, psychomotorische Verlangsamung oder Gedanken an Selbstmord auf, abgesehen davon dauert sie selten länger als zwei Monate.

Die Demenz wiederum zeigt eine langsame Entwicklung, der Betroffene kommt fast immer in Begleitung zum Arzt, es gibt keine abendlichen Remissionen und die kognitive Beeinträchtigung ist wesentlich ausgeprägter. Fischhof: "Im Gegensatz zu Depressiven, die Fragen oft mit "ich weiß nicht" beantworten, neigt der Demente eher zum Rationalisieren."

Cave Suizidalität

Zur Suizidalität ist anzumerken, dass diese einen hohen Stellenwert in der Alterdepression einnimmt. "Der Suizid beim alten Menschen ist meist lange und gut geplant, die Wahl fällt so gut wie immer auf eine sichere Methode wie Erhängen, Erschießen, oder Sprung aus dem Fenster, während bei jüngeren Patienten eher Methoden eingesetzt werden die eventuell noch eine Rettungsmöglichkeit bereit halten", erläutert Fischhof. Besonders alte Männer sind suizidgefährdet! Frauen verüben häufig einen "stillen Suizid" im Sinne von "Sich-Aufgeben."

Zur Abklärung von Selbstmordabsichten dienen vier Fragen:

  •  Haben Sie sich schon einmal überlegt, Ihrem Leben ein Ende zu setzen?
  •  Gibt es dazu einen konkreten Plan?
  •  Was hat Sie bisher davon abgehalten?
  •  Haben Sie sich überlegt, was für und was gegen ein Weiterleben spricht?

Die Therapie der Altersdepression stellt insofern spezielle Anforderungen an die Auswahl der Medikamente, als die bei geriatrischen Patienten veränderte Absorption, der reduzierte Stoffwechsel sowie die Veränderung des Fett-Muskelverhältnisses zu bedenken sind.

Daher: Stets mit einer niedrigen Dosis beginnen, einschleichend dosieren, engmaschige Kontrollen durchführen, möglichst nebenwirkungs- und interaktionsarme Präparate einsetzen, klare und verständliche Anweisungen geben und - wenn irgendwie möglich - eine supportive Psychotherapie anbieten. Besonders wichtig ist auch die Aktivierung von Sozialkontakten.

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