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Pflege 30. Juni 2005

Psychosen bei Demenz sind in vielen Fällen organisch bedingt

Düsseldorf. Für Dr. Martin Haupt, Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Düsseldorf, steht es fest: Viel zu lange hat sich bei der Demenz-Forschung alles nur um kognitive Störungen gedreht. Nicht-kognitiven Störungen wie Unruhe, Aggressionen oder auch depressiven Verstimmungen sei bis vor wenigen Jahren noch zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden. Das überrascht eigentlich, meint Haupt. Denn nicht-kognitive Störungen bei Demenz hätten bekanntlich oft stärkere soziale Konsequenzen als kognitive Symptome. So fühlten sich ja pflegende Angehörige durch Unruhe oder Aggressivität des Kranken oft stärker belastet als durch dessen schlechtes Gedächtnis oder mangelnde Konzentration. Und oft seien nicht-kognitive Symptome ja auch Anlass für eine Heimeinweisung.

Auffälligkeiten

Forschungen haben deutlich gemacht: Bei psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz handelt es sich nicht um Symptome, die unvorhersehbar auftreten und irgendwann auch wieder verschwinden. Vielmehr ist es so: Je nach Art treten nicht-kognitive Symptome unterschiedlich häufig auf, sie stehen in unterschiedlichem Zusammenhang mit dem Schweregrad der Krankheit und können auch Initialsymptom der Erkrankung sein. Ä"Viele Präparate, gerade Neuroleptika, werden in Institutionen, aber auch im niedergelassenen Bereich unkritisch über viele Wochen und Monate hin verordnet", so Haupt. Das sei nach dem Wissensstand zu nicht-kognitiven Demenz-Symptomen aber oft nicht nötig. "Viele Auffälligkeiten sind flüchtig, treten oft akut auf und vergehen wieder schnell", sagt Haupt.

Erstsymptom

Aus Studien zu BPSD, bei denen viele Alzheimer-Kranke untersucht worden sind, weiß man heute: Bei etwa jedem dritten Alzheimer-Patienten sind nicht-kognitive Störungen das Erstsymptom. Oft handelt es sich dabei um ein depressives Syndrom, gekennzeichnet durch Verstimmung, sozialen Rückzug, Suizid-Gedanken und Angst. Ein sozialer Rückzug fällt dabei oft schon mehr als zwei Jahre vor der Diagnose-Stellung auf.

  • Antriebsarmut und Unruhe sind bei Alzheimer-Patienten insgesamt die häufigsten nicht-kognitiven Störungen. Von 60 Patienten waren 90 Prozent zum Zeitpunkt der Ersterhebung unruhig; zwei Jahre später war dieses Symptom dann bei Äallen Patienten aufgetreten. Etwas seltener sind Depressivität, Aggressivität, Angst und Wahn. Halluzinationen kommen innerhalb von zwei Jahren bei 20 bis 30 Prozent der Patienten vor.
  • Unruhe ist auch dasjenige nicht-kognitive Symptom, das über einen Zeitraum von zwei Jahren am ehesten persistiert, also konstant vorhanden ist - nämlich bei etwa 60 Prozent der Alzheimer-Patienten. Antriebsarmut, Unruhe, Aggressionen und Halluzinationen treten unabhängig vom Schweregrad der Demenz auf. Depressivität, Angst und auch Wahn sind dagegen um so seltener, je weiter fortgeschritten die Krankheit ist. 
  • "Es kann aber nicht mit Sicherheit entschieden werden, ob schwer Demenz-Kranke nun eine Depression haben oder nicht", betont Haupt. Die Patienten hätten in diesem Krankheitsstadium keine mimischen oder sprachlichen Möglichkeiten mehr, Depressionen auszudrük-ken; mit den derzeit verfügbaren Instrumentarien lasse sich eine Depression auch nicht erfassen.
  • Ferner mehren sich Hinweise, dass nicht-kognitive Symptome bei Demenz nicht unbedingt immer nur Folge äußerer Umstände sind, sondern durchaus auch ein organisches Substrat haben können. So lassen sich etwa bei Patienten mit psychotischen Störungen ausgeprägte Neurofibrillen-Veränderungen im Temporallappen finden. "Wir haben es nicht mit rein reaktiven, sondern auch mit organisch gesteuerten Prozessen zu tun", sagt Haupt. 

Zu wissen, dass nicht-kognitive Störungen auch organisch bedingt sein können, kann für die Angehörigen sehr entlastend sein!"

Marlinde Lehmann, Ärzte Woche 41/1999

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