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Pflege 8. Juli 2005

Im Frühstadium weisen neue Therapien gute Effizienz auf

Gut ein Drittel aller Patienten um das 90. Lebensjahr ist von einem dementiellen Zustandsbild betroffen. Die Hälfte dieser Zustände kann auf den Morbus Alzheimer zurückgeführt werden. Dennoch sollte man viele Patienten dahingehend beruhigen, dass die häufigsten Klagen über Vergesslichkeit bei älteren Menschen überwiegend den Angststörungen und Depressionssyndromen zuzuordnen sind. Hirnleistungsstörungen sind zwar ein sensitiver, aber kein spezifischer Indikator einer Demenz. "Die Diagnose der Alzheimer-Erkrankung ist eine Ausschlussdiagnose", erklärt Prof. Dr. Reinhold Schmid, Universitätsklinik für Neurologie, Graz am "3.Update in Neurologie 2001" im Schloss Wilhelminenberg in Wien. Die Differenzialdiagnose müsse eine Reihe anderer Ursachen, wie Delirien, Depressionen oder Schlaganfälle beinhalten.

Die kognitive Störung ist jedoch nur ein Teil der Alzheimer Erkrankung. Das ganze Spektrum umfasst einen Verlust der Fähigkeiten, die "Aktivitäten des täglichen Lebens" (ADL) zu erfüllen. Auch das Auftreten nicht kognitiver Verhaltensstörungen, Halluzinationen, Agitation, aggressives Verhalten, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen gehören dazu. Schmid: "Besonders bei leicht- bis mittelgradigen Formen der Erkrankung seien neue Therapien durchaus als effektiv zu bezeichnen. Diese wirken jedoch in erster Linie im Frühstadium. Daher kommt der rechtzeitigen Diagnostik ein großer Stellenwert zu." Mindestens fünf Jahre vor der Alzheimer Erkrankung können bereits Gedächtnisstörungen auftreten. Eine grobe Einschätzung der Hirnleistungsstörung kann der Mini-Mental-Status liefern. Die Objektivierung der Gedächtnisstörung kann den Alzheimer früh erkennen lassen oder andere Demenzformen entsprechend psychiatrischer, internistischer oder chirurgischer Interventionen zugeführt werden, die den Demenzprozess rückgängig machen oder die Symptomatik zumindest verbessern.

Diagnostik der Alzheimer Demenz

(Empfehlung der österreichischen Alzheimer-Konsensuskonferenz)

Obligatorische diagnostische Maßnahmen:

  • Anamnese
  • Fremdanamnese
  • Neurologischer Status
  • Psychopathologischer Status
  • Neuropsychologische Testung
  • Demenzscreeningtest
  • Labor (Standardbefunde plus Lues-Serologie, Schilddrüsenparameter, Vitamin B12, Folsäure)
  • EKG
  • EEG
  • Kranielles CT oder MRI

Fakultative Diagnosekriterien:

  • Tau-protein
  • eta-A42-Peptid
  • HIV-Serologie
  • ApoE-Genotypisierung
  • SPECT/PET
Zielsymptome und Therapie bei Morbus Alzheimer (nach Schmid)
Zielsymptome: Therapie:
Verkennung,  
Halluzination,  
Feindseligkeit,  Atypische Neuroleptika
Agitiertheit,  
Aggression,  
Schlaf-Wach- Rhythmusstörungen
__________________
 
Depression,  
agitierte Depresion,  SSRI
Stereotypien
__________________
 
Angst,  
Agitiertheit,  
Anspannung,  Benzodiazepine
Schlafstörungen
__________________
 
Agitiertheit  
Aggression  
Feindseligkeit  Antikonvulsiva
Schlaf-Wach- Rhythmusstörungen  
Manisches Verhalten  


Neue Therapien im Frühstadium

Die Therapie der Demenzerkrankungen besteht neben der medikamentösen Herangehensweise durch nootrop wirkende Substanzen wie Acetylcholinesteras-Hemmer und Gingko im kognitiven Training der Betroffenen sowie einer entsprechenden Schulung der Angehörigen und Betreuer. "Im Frühstadium der Alzheimer-Krankheit sind Acetylcholinesterase-Hemmer wissenschaftlich gesichert als effizient einzustufen", so Schmid. Generell wird die Wirksamkeit der zur Zeit im Handel befindlichen Präparate zur Behandlung des Morbus Alzheimer sehr unterschiedlich bewertet: In doppelblind placebokontrollierten randomisierten Studiendesigns werden die Substanzen auf die relevanten diagnostische Parameter, wie Kognition, Alltagsaktivität und klinischen Gesamteindruck geprüft. Diese lässt sich erst nach etwa 6 Monaten ausreichend beurteilen. Die großen Untersuchungen, die mit Acetylcholinesterase-Hemmern durchgeführt wurden, konnten diese Gütekriterien erfüllen. Der Effekt der geprüften Medikamente (Tacrin, Donazepil, Rivastigmin und Galanthamin) scheint bei leichter bis mittelschwerer Symptomatik im großen und ganzen ident zu sein. Schmid: "Man kann bei einer Therapie mit diesen Substanzen von einer Progressionsverzögerung bei der Demenz um sechs bis zwölf Monate ausgehen. Diese Therapieform ist jedoch rein palliativ. Die Progression der Demenz kann nicht gestoppt werden." Zudem gibt es eine Anzahl von Non-Respondern auf die Therapie mit Acetylcholinesterase-Hemmern. "Aus klinischer Sicht ist hier ein Switchen auf andere Substanzen, die zwar positive Effekte auf die Alzheimer Demenz zeigen, jedoch unter nicht ganz optimalen Studienbedingungen überprüft wurden, durchaus günstig." Hierzu zählen Alpha-Tocopherol, Selegiline, Idebenon, Propentophyllin, Gingko biloba, Piracetam oder Acetyl-Carnitin. Ursachenorientierte Therapieformen sind in Entwicklung. In klinischen Studien werden zur Zeit eine Reihe von vielversprechenden Medikamenten getestet. Auch die Forschung im gentechnologischen Bereich wird in näherer Zukunft Therapieansätze liefern. Die Verlangsamung der Progredienz der Erkrankung lässt nicht nur persönliches Leid mindern, sondern auch volkswirtschaftlich wesentliche Mittel eingespart werden.

Im fortgeschrittenen Stadium des Morbus Alzheimer gehören Verhaltensprobleme und psychotische Symptome zum klinischen Bild. Hier sollte, so Schmid, jedoch in jedem Fall nach einer die Verschlechterung des Zustandes möglicherweise auslösenden Ursache gesucht werden: Als Folge eines Infektes oder Nebenwirkung von Begleitmedikamenten können diese Probleme zum Teil kausal behandelt werden. Bei der Therapie eines Patienten mit Morbus Alzheimer ist generell Vorsicht bei der Gabe von Substanzen geboten, die an sich anticholinerg wirken: Ältere trizyklische Antidepressiva oder Neuroleptika können dadurch vorhandene dementielle Syndrome verstärken oder gar zu deliranten Zustandsbildern führen. Wenn nicht-medikamentöse Ansätze keinen Hinweis auf Besserung zeigen, so ist eine Zielsymptom-orientierte pharmakologische Herangehensweise hilfreich.

Die österreichische Selbsthilfegruppe heißt "Alzheimer Angehörige Austria": Obere Augartenstraße 26-28, 1020 Wien Tel: 01/3325166,e.mail:

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