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Pflege 30. Juni 2005

Bildung gegen Alzheimer

Gute sozioökonomische Bedingungen und ein höherer Bildungsgrad können einen M. Alzheimer zwar nicht gänzlich verhindern, aber zumindest dessen Manifestation verzögern. Vor allem Bildung fördert die Ausbildung einer sogenannten Reservekapazität, die kognitive Defizite über längere Zeit kompensieren kann.

Alzheimer-Forscher sind intensiv auf der Suche. Um herauszufinden, warum manche Menschen die neurodegenerative Erkrankung bekommen, andere aber nicht, durchstöbern sie Kindheit, Jugendzeit und Berufsleben ihrer Patienten nach Risikofaktoren für diese Erkrankung. Sie vermuten, dass wie andere chronische Erkrankungen, die sich erst spät im Leben manifestieren, auch der Morbus Alzheimer seine Ursprünge in diesen frühen Lebensphasen haben könnte. Ganz erfolglos sind ihre Bemühungen bisher nicht geblieben. Aus epidemiologischen Studien mehren sich nämlich Hinweise, dass Personen, die unter schlechten sozioökonomischen Bedingungen aufwachsen, ein höheres Risiko für Morbus Alzheimer haben als Personen mit günstigen sozioökonomischen Bedingungen. Welche Faktoren hier im einzelnen von Bedeutung sind, ist heute aber noch nicht geklärt.

Mehr Bildung - weniger Alzheimer-Risiko

Mehrere Studien haben mittlerweile Hinweise dafür gebracht, dass eine schlechte Schulbildung wohl ein solcher Faktor ist, und dass es dabei auch eine Art Dosisabhängigkeit gibt: Je besser die Bildung, desto geringer ist das Alzheimer-Risiko. Als mögliche Erklärung des Phänomens, warum gute sozioökonomische Bedingungen und gerade gute Bildung das Alzheimer-Risiko mindern, ist in den 90er Jahren das Konzept der Reservekapazität des Gehirns entwickelt worden. Es geht davon aus, dass etwa durch Bildung und damit durch Training der Hirnfunktionen die Synthese von Synapsen, dendritischen Verzweigungen und etwa von Myelin gefördert und damit das neuronale Netzwerk im Gehirn dichter wird. Nach diesem Konzept können Patienten, die unter besseren sozio?konomischen Bedingungen groß geworden und besser gebildet sind, bei beginnender Demenz kognitive Defizite über längere Zeit besser kompensieren als Patienten mit geringerer Schulbildung.

Sozioökonomische Bedingungen

Bessere Bildung kann damit einen Morbus Alzheimer zwar nicht verhindern, aber zumindest dessen Manifestation verzögern. Und zwar bei höherer Schulbildung im Vergleich zu keiner Schulbildung um vier bis fünf Jahre, schätzen Alzheimer-Forscher aufgrund bisher verfügbarer Daten. Belege für die Richtigkeit der These, dass schlechte sozioökonomische Bedingungen die Reservekapazität schmälern können, sehen Demenz-Forscher zum Beispiel in Beobachtungen bei Ratten, bei denen ein Mangel an essentiellen Fettsäuren oder etwa an Vitamin B6 in der Entwicklung die Ausbildung von Myelin beeinträchtigt. Eine in der Zeitschrift "Neurology" (53, 1999, 189) veröffentlichte Studie hat zudem neurobiologische Befunde geliefert - und zwar erstmals bei Gesunden - die ebenfalls im Einklang mit der Reservekapazitäts-Hypothese stehen.

Keine kognitiven Defizite trotz Atrophie

In dieser Studie sind 66- bis 90-jährige Personen, die alle keine kognitiven Defizite hatten, mit Kernspintomographie untersucht worden. Das Ergebnis: Im Vergleich zu Personen, die nur vier Jahre die Schule besucht hatten, hatten Studienteilnehmer mit Hochschul-Abschluss eine stärker ausgeprägte Hirn-atrophie. "Das bedeutet", schreiben die Forscher von der Universität in Pittsburgh im US-Staat Pennsylvania, "dass Personen mit besserer Schulbildung noch keine kognitiven Defizite haben, wenn Zeichen einer Hirnatrophie vorliegen, die bei Personen mit schlechterer Bildung mit kognitiven Störungen verbunden wären." Und sie erinnern an ähnliche Studienergebnisse bei Alzheimer-Patienten, nach denen bei gleicher kognitiver Leistungsfähigkeit diejenigen Kranken mit einer besseren Schulbildung stärker ausgeprägte parietale Atrophie-Zeichen haben.

Weitere Faktoren werden untersucht

Genauso wie unklar ist, welche Faktoren es nun im einzelnen sind, die dem Gehirn in der Phase der Entwicklung eine bessere Reservekapazität verschaffen oder welche Faktoren dies verhindern, ist auch noch nicht bekannt, inwieweit gute oder schlechte soziale Kontakte bei Erwachsenen, die sich etwa durch Vereins-Aktivitäten quantitativ erfassen lassen, die neuronale Degeneration verhindern oder fördern und damit vielleicht die Reservekapazität aufbauen, erhalten oder ihren Abbau beschleunigen können.

In einer aktuellen Fall-Kontroll-Studie an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main werden Daten genau dazu erhoben. Aber auch andere mögliche psychosoziale und toxikologische Risikofaktoren für Morbus Alzheimer während der beruflichen Tätigkeit und in der Freizeit werden dabei analysiert: so etwa der Kontakt mit Noxen wie organischen Lösungsmitteln, psychosozialer Stress, etwa durch einen monotonen Beruf, Rauchgewohnheiten oder der Konsum von Alkohol. Erste Ergebnisse sollen Mitte des Jahres vorliegen.

AZ / Marlinde Lehmann, Ärzte Woche 23/2000

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