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Pflege 26. Mai 2009

Geschäft mit Angst vor Demenz

Kommerzielle Anbieter von Softwareprogrammen und Nahrungsergänzungsmitteln schüren falsche Hoffnungen.

Dreißig namhafte Kognitions- und Neurowissenschaftler sowie Alternsforscher fordern in einem gemeinsam unterzeichneten Memorandum die wissenschaftliche und unabhängige Überprüfung der Wirksamkeit von „Hirnjogging“-Produkten und geben Empfehlungen auf der Grundlage gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das Memorandum ist das Ergebnis eines Expertentreffens, das auf Einladung des Stanford Center on Longevity und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung im April letzten Jahres stattfand. Die Erklärung bezieht sich vor allem auf kommerzielle Anbieter, die das Blaue vom Himmel versprechen. Die Unterzeichner unterstützen dabei ausdrücklich die weitere Forschung zu softwarebasierten kognitiven Trainingsprogrammen.

Inhalte des Memorandums

Die Wissenschaftler halten fest: Ältere Menschen in entwickelten Ländern sind heute geistig leistungsfähiger als Menschen desselben Alters in früheren Zeiten. Trotz plausibler biochemischer Erklärungsmodelle belegen derzeit vorliegende klinische Studien nicht, dass Nahrungsergänzungsmittel wie Gingko biloba die geistige Leistungsfähigkeit steigern oder deren Abbau aufhalten.

Softwarebasierte Trainingsprogramme verbessern die Fertigkeiten, die sie trainieren. Nur sehr wenige Programme zeigen eine positive Wirkung (im Sinne eines Transfers) auf allgemeine geistige Fähigkeiten oder Leistungen in Alltagssituationen. Wer eine Gedächtnistechnik zum Einprägen von Wortlisten übt, dem gelingt es anschließend besser, sich Wortlisten zu merken. Es gibt nur wenige Hinweise darauf, dass dieses Training die Gedächtnisleistung insgesamt steigert.

Verbraucher sollten sich bei ihrer Entscheidung, kommerzielle Hirntrainingsprogramme zu erwerben, am Vorliegen unabhängiger wissenschaftlicher Überprüfungen zur Wirksamkeit dieser Produkte orientieren. Besondere Vorsicht ist bei Produkten geboten, die versprechen, Alzheimer oder anderen Formen dementieller Erkrankung vorzubeugen oder sie gar zu heilen. Es gibt derzeit keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass markterhältliche Softwareprogramme oder andere kognitive oder soziale Interventionen einer Demenzerkrankung vorbeugen oder deren Auftreten verzögern. Unterschieden werden muss zwischen kurzfristigen Verbesserungen einzelner Fertigkeiten und dem langfristigen Erhalt geistiger Fähigkeiten. Zur kurzfristigen Verbesserung zum Beispiel des Namensgedächtnisses stehen zahlreiche anerkannte Methoden zur Verfügung. Hingegen konnten derzeit erhältliche Produkte bislang nicht nachweisen, dass sie den geistigen Leistungsabbau langfristig vermindern können.

Was nachweislich hilft

Ein verantwortungsbewusster Umgang mit der eigenen Gesundheit, insbesondere die Kontrolle der Blutdruck- und Blutzuckerwerte, trägt hingegen positiv zur geistigen Leistungsfähigkeit bei.

Lernen regt das Gehirn an und steigert das Kompetenzerleben. Es gibt keine Hinweise darauf, dass hierfür ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Methode erforderlich ist. Bevor man Zeit und Geld für ein Hirnjogging-Produkt aufwendet, sollte man die „versteckten Kosten“ in Rechnung stellen: Jede Stunde am Computer ist eine Stunde weniger, die man mit Wandern, dem Lernen einer Fremdsprache, dem Ausprobieren eines Kochrezepts oder dem Spielen mit Enkelkindern verbringen kann.

Körperliche Bewegung ist eine kostengünstige und wirksame Methode zur Verbesserung der Gesundheit. Es ist nachgewiesen, dass regelmäßiges körperliches Ausdauertraining die Hirndurchblutung steigert und die Bildung neuer Blutgefäße und Nervenzellverbindungen anregt. Ausdauertraining steigert nachweislich Aufmerksamkeit, Denkvermögen und Gedächtnisleistung.

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