zur Navigation zum Inhalt
 
Pflege 3. April 2009

Sprachloses Leiden lindern

Wenn die Kommunikation zur Schmerzbeschreibung versagt, muss aufmerksam beobachtet werden.

Obwohl ältere und an Demenz erkrankte Menschen vermehrt an chronischen Schmerzen leiden, werden sie meist unzureichend behandelt. Grund dafür ist die veränderte Schmerzwahrnehmung und -äußerung. Der Test zur Beurteilung von Schmerz bei Demenz (BESD-Test) kann helfen, zu helfen.

 

„Schmerz und Demenz“ war der Titel eines Vortrags von Prim. Dr. Andreas Winkler, Abteilung für Gerontoneurologie und neurologische Rehabilitation im Haus der Barmherzigkeit in Wien, beim Symposium „Schmerz und Emotion“ Anfang März. Er referierte über die pathophysiologische Schmerzverarbeitung bei Alzheimer und die Problematik der Fehlinterpretation der Schmerzreaktionen bei an Demenz erkrankten Patienten.

Unruhe, wiederholtes Verbalisieren und Schreien werden von Angehörigen und Ärzten oft als Verhaltensauffälligkeit interpretiert, anstatt diese als Schmerzäußerung zu erkennen. Die Ursache für dieses Verhalten liegt im Hippocampus, im medialen Temporallappen. Bei der Alzheimerkrankheit kommt es durch Einlagerung von neurotoxischen Amyloiden auch zur Atrophie dieses Areals, das zum limbischen System gezählt wird. Dieser Teil ist verantwortlich für Emotionen, affektierte Erinnerungen und die Schmerzwahrnehmung. Aufgrund der Atrophie kommt es zum Krankheitsbild Alzheimer, bei welchem bereits im mittleren Stadium das Sprachverständnis und die Schmerzkategorisierung beeinträchtigt sind. Obwohl diese Patienten den gefühlten Schmerz weder in Lokalisation, Intensität und Qualität beschreiben können, empfinden sie wie jeder andere auch, weil das lateral gelegene sensomotorische Zentrum, das die Wahrnehmung von Schmerz verarbeitet, trotz Fortschreiten der Krankheit bis in das schwerste Stadium erhalten bleibt. Wegen der demenzbedingten Veränderungen des schmerzverarbeitenden Systems kommt es zu psychomotorischer Unruhe, ausgeprägter Mimik und fluktuierenden kognitiven und reduzierten funktionellen Fähigkeiten.

Schmerz im Alter

Laut einer IMAS-Studie aus dem Jahr 2007 leidet knapp ein Viertel der in Österreich lebenden Menschen unter chronischen Schmerzen. Die häufigsten Ursachen sind vertebragen-neuropathisch, Degeneration der Gelenke und Osteoporose, gefolgt von postherpetischen, rheumatischen und polyneuropathischen Schmerzen. Ältere Patienten sind in der Schmerzbehandlung benachteiligt. So bekommen demente Patienten nach einer Schenkelhalsfraktur nur ein Drittel der Morphindosis von nichtdementen Personen, und in der Gruppe der über 80-Jährigen werden Opiate um ein Drittel seltener verschrieben als bei jüngeren Patienten (Bernabel R. et al; JAMA 1998, Morrison R.S. PainSymptom Management 2000).

60 Prozent der Patienten an geriatrischen Pflegeeinrichtungen haben Schmerzen, allerdings erhalten nur 28 Prozent eine schmerzlindernde Therapie (Lövheim 2006). Doch „weder Alter noch Demenz sind Analgetika“, betonte Winkler.

In den kommenden Jahren wird das Zusammentreffen von Schmerz und Demenz häufiger werden. In Österreich kommen jährlich 24.000 von Alzheimer Betroffene hinzu. Tendenz steigend. Die Kombination Schmerz und Demenz müsse die Wahrnehmung der behandelnden Ärzte verändern, meinte Winkler. Als äußerst hilfreich habe sich dabei der Test zur Beurteilung von Schmerz bei Demenz (BESD) erwiesen. Dieser beruht auf dem beobachtbaren Verhalten des Patienten. Beurteilt werden Atmung, Mimik, Lautäußerung, Körpersprache und Trost. Mittels Punktewertung kann der Arzt eine adäquate Schmerzdiagnostik durchführen und umgehend mit einer standardisierten analgetischen Therapie beginnen.

Von Barbara Buchner, Ärzte Woche 14/2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben