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Pflege 1. März 2011

Ziel: Dialog zwischen Medizin und Pflege

Die Pflegegeldeinstufung als mögliches Pionierfeld: Etwa 360.000 Personen erhalten in Österreich derzeit Pflegegeld. Jährlich werden 170.000 bis 200.000 Pflegegeldgutachten durchgeführt. Einstufung und Umsetzung gestalten sich in den einzelnen Bundesländern jedoch recht unterschiedlich. Auch die Erwartungen an die Funktionen des Pflegegeldes sind sehr verschieden und in vielen Fällen falsch.

Welche Verbesserungen die Einbindung der Pflegeberufe in die Beurteilung der Pflegebedürftigkeit bringen kann, wird seit Oktober 2010 in einem Pilotprojekt untersucht. Erste Erfahrungen wurden vergangenen Woche beim Pflegemanagementforum in Wien diskutiert.

Fokus Verlässlichkeit

Die Ergebnisse der Evaluation werden im Juni vorliegen. Ein bereits 2004 durchgeführtes Pilotprojekt zur Pflegegeldeinstufung durch Arzt und Pflege, bei dem jedoch getrennte Hausbesuche stattfanden, ergab erhebliche Einstufungsunterschiede, berichtete Dr. Cornelia Schneider von der Fachhochschule Campus Wien, die gemeinsam mit Dr. Christian Schober vom Nonprofit Institut der Wirtschaftsuniversität Wien das aktuelle Projekt leitet.

Die Konsequenz damals: Man blieb beim alten System.

Beim aktuellen Modell in fünf Bundesländern mit insgesamt 914 Begutachtungen – sowohl Erst- als auch Erhöhungseinstufungen – erfolgten die Hausbesuche nun gemeinsam, die Gutachten wurden getrennt erstellt. "Der Fokus", so Schober,""liegt auf der Verlässlichkeit zwischen den Gutachtern bzw. wo sich Unterscheide ergeben, etwa nach ICD Diagnose, Geschlecht, Bundesland oder auch Stadt/Land."

Geklärt werden soll auch, worauf die Unterschiede zurückzuführen sind. "Unterschiede gibt es immer. Die Frage, die zu klären ist: Wo die Ursachen liegen und wie groß die Unterschiede sind." (Tab. 1)

Tabelle 1: Fragestellung der Evaluierung 

  • Kommt es zu signifikanten Unterschieden in der Pflegegeldeinstufung zwischen ärztlichen und pflegerischen Gutachten?
  • Wie stellen sich allfällige Unterschiede bei den einzelnen Subkategorien des funktionsbezogenen bzw. diagnosebezogenen Pflegebedarfs dar?
  •   Worauf lassen sich allfällig gefundene Unterschiede zurückführen?
 
  • Lassen sich allfällige Unterschiede hinsichtlich folgender Kriterien feststellen

- Bundesländer
- Wesentliche Diagnosegruppen (nach ICD-10 Klassifikation)
- Geschlecht
- Alter
- Erstanträge vs. Erhöhungsanträge
- Ballungszentren vs. ländliche Regionen
- Hinweis auf Verwahrlosung
- Pflegedokumentation berücksichtigt

 Reibungspunkte und Missverständnisse

Die Diskussion zeigte die Reibungspunkte und auch manches Missverständnis auf. Die Erwartungshaltung über die Höhe des Pflegegeldes, die Unterscheidung von medizinischer Hauskrankenpflege und Grundpflege, die Zuständigkeiten von Pflege und Medizin und die österreichweit uneinheitlichen Einstufungen sind nur einige Beispiele.

Das Pflegegeld, so Dr. Martin Greifeneder, Arbeits- und Sozialrichter am Landesgericht Wels, kann nicht den gesamten Pflege- und Betreuungsbedarf abdecken, sondern ist immer nur als Beitrag zu verstehen. Allerdings sei die ausgebliebene angemessene Valorisierung seit 1996 bedauerlich.

Unbefriedigend für alle

Die Diskussion um die Treffsicherheit des Pflegegeldes reiche bis in die Anfänge des Bundespflegegeldgesetzes (BPGG) 1993 zurück, stellte Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (ÖGKV) fest, denn die Defizite sind immer ein subjektives Empfinden. Angehörige der Pflegeberufe, die gewohnt sind prozesshaft zu denken, hätten den Vorteil, die mit dem Betreuungsbedarf verbundenen Abläufe kompetent erfassen zu können – und damit denn tatsächlichen Bedarf besser einschätzen zu können.

"Wir werden", so Frohner, "auf die medizinische Diagnose nicht verzichten können, aber wir verzichten auf die Kompetenz der Pflege". Daher fordert der ÖGKV eine klare, verbindliche Verankerung der Einbeziehung der Pflege in die Pflegegeldeinstufung. Der Status quo ist nicht sehr befriedigend, konstatierte Frohner: "Die Ärzte sind überlastet und bekommen zu wenig Honorar, für die Pflege ist der Prozess nicht befriedigend und die Antragsteller erleben Ungewissheit."

Die rechtliche Situation muss bekannt sein

Die Kompetenz des Arztes für die Pflegegeldeinstufung ist lediglich durch das Ärztegesetz geregelt, wo die Durchführung von Gutachten als Bestandteil des Berufsbilds aufgezählt wird. Ein Drittel der begutachtenden Ärzte führen jährlich weniger als zehn Gutachten durch, kritisierte erst jüngst der Rechnungshof. Auf der anderen Seite könne, so Greifeneder, ein Arzt, der 18 Begutachtungen pro Tag mache, keine Qualität liefern. Eine spezielle Qualifikation oder der Nachweis einer entsprechenden Schulung ist nicht notwendig. Für die Angehörigen der Pflege gibt es die Weiterbildung zum gerichtlich beeideten Sachverständigen und spezielle Fortbildungen, um das entsprechende Fachwissen zu erwerben.

Fortbildung gefragt

"Es muss um die Qualität der Einstufung gehen", betonte der Jurist, "aber nicht darum, wer sie macht." Die Einbindung der Pflege ist bereits jetzt laut BPGG möglich – aber eben nicht verpflichtend. Ein Manko ortet Greifender derzeit bei beiden Berufsgruppen in den rechtlichen Grundlagen und unterstreicht: "Die rechtliche Situation muss bekannt sein!" Sowohl in der Pflege als auch bei den Ärzten sei dieses Rechtswissen für die Gutachten mangelhaft. Die Landesärztekammern sind in diesem Bereich ebenfalls säumig – Ausnahme Oberösterreich – denn ihre Pflicht wäre, entsprechende Fortbildungen anzubieten.

Säumige Sozialversicherungen

Die Sozialversicherungen sind laut Greifeneder gleichfalls säumig, denn gute Pflegegeldeinstufung kostet Zeit, um mit den pflegenden Angehörigen zu reden und den tatsächlichen Pflegebedarf zu erheben - und kostet Geld. "Ich kann mir durchaus Bereiche vorstellen, wo qualifizierte Pflege in die Begutachtung miteinbezogen wird oder diese übernimmt.

Pflegeberatung für die Angehörigen beispielsweise kann nur die Pflege machen." Es gelte sowohl für Ärzte, wie für Pflegepersonen in die Zukunft zu schauen, stellte Frohner fest: Bei beiden werde es in absehbarer Zukunft Personalmangel geben. Die Handlungsfelder sollten sich die Berufsgruppen daher gut und kompetent aufteilen und zum Dialog bereit sein.

ki

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