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Pflege 10. Dezember 2008

Körperwahrnehmung von Brandverletzten

Die Pflege kann den Körper „lesen“

Verbrennungen führen nicht nur zu einer schweren physischen Beeinträchtigung sondern auch zu psychischen Beeinträchtigungen des Betroffenen. Die moderne Behandlung von Verbrennungsverletzungen hat zwar zu einem verbesserten Überleben der Patienten geführt, allerdings häufig mit entstellenden Narben, die durch plastische Chirurgie nicht vollständig korrigiert werden können. Welche Auswirkungen dies auf die Betroffenen hat und wie sie damit umgehen, ist noch nicht hinreichend erforscht. Moi et al. untersuchten dies mit 14 Opfern von Brandunfällen in einem Verbrennungszentrum in Norwegen unter Anwendung der Husserl’schen Phänomenologie. Ziel war, den verletzten Körper zu beschreiben und die durchlebte Erfahrung der Betroffenen zu verstehen. Die Mehrzahl der Studienteilnehmer waren Männer mit einem Durchschnittsalter von 46 Jahren und einer durchschnittlich verbrannten Körperoberfläche von 32 Prozent.

Ergebnisse

Die Autoren stellen fest, dass der Körper mit seinen Verletzungen die Geschichte des Unfallhergangs durch die Form der Verbrennungsnarben erzählt. Der Körper erscheint den Betroffenen als fremd und als sehr verletzlich. Die Verletzungsfolgen wie Schmerzen, Hitzegefühle oder Juckreiz machen den Körper mit seinen Bedürfnissen sehr gegenwärtig. Die bleibenden Verletzungsfolgen bedeuten Einschränkungen. Dysfunktionen und Immobilität zeigen dem Betroffenen die Unsicherheit seiner physischen Kapazität.

Die Autoren unterstreichen die Wichtigkeit der körperlichen Fähigkeiten für die Betroffenen und die Versuche Aktivitäten wie Stehen, Gehen, Essen und Tätigsein wieder ausführen zu können. Aus dem phänomenologischen Gedanken, dass die Körperbewegung ein wesentlicher Teil unserer Existenz ist, ergibt sich für Opfer von Brandverletzungen die Problematik, in diesem Lebensbereich häufig schwer eingeschränkt zu sein.

Das Unbehagen durch Blicke anderer auf die auffälligen Narben erzeugt bei den Betroffenen das Gefühl als Objekt behandelt zu werden und nicht als Persönlichkeit. Daher ist auch der soziale Rückzug im besten Fall in den Kreis der Familie oder guter Freunde eine logische Konsequenz. Allerdings zeigte sich auch, dass sie die Fähigkeit haben das Verhalten der anderen zu verstehen, darüber zu lachen und die Unsicherheit der anderen zu verzeihen. Der Unfall, verwundete Haut und leicht aus dem Gleichgewicht zu bringende Gefühle tragen zu einer erhöhten Verletzlichkeit bei. Die Autoren sehen die erhöhte Verletzlichkeit als Teil der neuen Identität des verletzten Körpers als Ganzes. Der verletzte Körper verzerrt das natürlich vorhandene Gefühl der Sicherheit in der Welt. Typischerweise spielen daher andere eine wichtige Rolle, um die körperliche Unsicherheit zu erleichtern und als fester Bezugspunkt zur Realität und Identität zu wirken.

Fazit

Ein neues und herausforderndes Körperbewusstsein, das sowohl die Grenzen als auch die Möglichkeiten aufzeigte, stellte sich als Kernstück der Erfahrung mit dem verletzten Körper von Überlebenden eines Brandunfalls heraus. Menschen als eine konkrete physische Form zu sehen bedeutet, dass Pflege nicht auf Regeln aufgebaut sein kann, sondern flexibel sein und kontinuierlich an die gelebte Erfahrung der kranken oder verletzten Person angepasst werden muss. Die Ergebnisse, so die Autoren, legen nahe, dass die Fähigkeiten der Pflege den brandverletzten Körper zu „lesen“, höher bewertet werden sollte, da ihnen dies erlauben wird zu achten, zu pflegen und zu agieren als Antwort auf die individuelle körperliche Erfahrung des Brandverletzten und auf seine Bedürfnisse. Es zeigte sich auch, dass Pflegepersonen eine wichtige Rolle dabei spielen die Anwesenheit und die Integration der Familie und Freunde in den Gesundungsprozess und die Rehabilitation von Brandverletzten zu erleichtern.

Asgjerd Litleré Moi, Hallvard Andreas Vindenes & Eva Gjengedal: The experience of life after burn injury: a new bodily awareness, in: JAN Vol 64, No 3, Nov 2008: 278-286

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