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Pflege 27. November 2008

Düstere Prognosen für Senioren

Die „Überalterung“ der Gesellschaft erfordert neue Versorgungsstrategien.

Rund um den 3. Wiener Alzheimertag am 22. November, der mit knapp 6.000 Teilnehmern europaweit größten Veranstaltung zum Thema geistige Gesundheit und Pflege im Alter, skizzieren Experten Zukunftsszenarien zur Entwicklung des heimischen Pflegesystems.

 

Den idealisierten Vorstellungen eines glücklichen und umsorgten Lebensabends stehen die nüchternen Fakten einer zunehmend pflegebedürftiger werdenden „Gesellschaft der Alten“ gegenüber.

Welches der beiden folgenden Zukunftsszenarien halten Sie für sich persönlich am wahrscheinlichsten?

Zukunftsvision 1: Wenn Sie den verdienten Ruhestand antreten, werden Sie es sich so richtig gut gehen lassen, sich zu Hause angenehm und luxuriös einrichten und einen sorgenlosen Lebensabend genießen. Sie werden ihren Hobbies frönen, die lange aufgeschobenen Reisen machen, regelmäßig den Masseur kommen lassen, gemeinsam mit Freunden lange Spaziergänge in blühenden Gärten machen. Jedes Wochenende werden Kinder und Enkel zu Besuch kommen.

Zukunftsvision 2: Im Jahr 2030 treten Sie im Alter von 70 Jahren ihre Pension nach mehr als 50 Arbeitsjahren an. Sie erhalten eine Rente von 650 Euro, die Sie bis auf ein bescheidenes Taschengeld an die staatliche Pflegeanstalt abtreten müssen, in der Sie im Gegenzug bis an Ihr Lebensende untergebracht sind.

Diplomierte Pflegekräfte kommen einmal pro Woche vorbei, um nachzusehen, wie es Ihnen geht. Für Ihre tägliche Pflege sind Hilfskräfte aus den neuen Ost-EU-Ländern zuständig, die gerade einmal einen 6-wöchigen Crash-Kurs in Altenpflege erfolgreich absolviert haben. Innovative, kostenintensive Medikamente und Therapien sind selbst zu bezahlen, Sie erhalten jedoch gängige Generika und auf Wunsch eine ausgewogene Nährlösung zur Verfügung gestellt.

Betreuungsstrukturen im Wandel

Diese pointierte Skizzierung zweier extrem unterschiedlicher Szenarien eignet sich als Ausgangspunkt für eine Diskussion, die sich aus dem Spannungsfeld zwischen individuellen Bedürfnissen im Alter und der Leistungsfähigkeit der öffentlichen Gesundheitssysteme infolge der epidemiologischen Bevölkerungsentwicklung vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung und sinkender Geburtenzahlen ergibt.

Im internationalen Vergleich liegen Qualität und Verfügbarkeit der medizinischen Versorgung in Österreich nach wie vor im absoluten Spitzenfeld. Gefahr droht unserem Gesundheitssystem jedoch durch den demografischen Wandel in Richtung „Seniorenstaat“ (siehe Prognostizierte Altersentwicklung bis 2040). Infolgedessen werden die öffentlichen Ausgaben für Pflege überproportional steigen (siehe Hauptgründe für steigende Pflegekosten).

Hohe Kosten für neurologische Erkrankungen im Alter

Neurologische beziehungsweise psychiatrische Erkrankungen schlagen in Österreich jährlich mit rund neun Milliarden Euro zu Buche. Insgesamt gesehen verbrauchen Erkrankungen des Gehirns einen Anteil von vier Prozent des österreichischen Bruttonationalprodukts – pro Bürger hochgerechnet ergibt sich daraus ein Jahresbetrag von 1.090 Euro. Erkrankungen des Nervensystems, die eine enge Bindung an ein höheres Lebensalter aufweisen – Alzheimer, Schlaganfall, Parkinson, aber auch Epilepsien oder chronische Nervenschmerzen – werden in Zukunft bei einem weit größeren Anteil der alten und hochbetagten Menschen diagnostiziert werden, als es derzeit der Fall ist. Besonders dramatisch zeigt sich die Situation am Beispiel Demenz: Waren im Jahr 1951 geschätzte 35.000 Personen betroffen, so sind es heute etwa 100.000, und im Jahr 2040 werden es etwa 240.000 sein.

Heute ist bereits jeder dritte Patient in der allgemeinmedizinischen Ordination über 65 Jahre alt. Ältere Menschen leiden bekanntermaßen überproportional häufig an Erkrankungen des Gehirns und Nervensystems. Jede fünfte Spitalsbehandlung erfolgt aufgrund einer neurologischen Erkrankung, im Pflegebereich stellen Demenzerkrankungen wie beispielsweise die Alzheimerkrankheit die führende Ursache (2/3) einer erhöhten Pflegebedürftigkeit dar.

Verdoppelung in zwei Jahrzehnten

Die Zahl der Demenzpatienten, die pro Arzt zu versorgen sind, wird in den nächsten Jahren sprunghaft ansteigen: Einer aktuellen Untersuchung zufolge muss jeder Neurologe damit rechnen, etwa 67 neue Fälle von Demenzerkrankungen pro Jahr zu diagnostizieren und zu behandeln. Diese Zahl wird sich in den nächsten 20 Jahren mehr als verdoppeln.

Demenzerkrankungen sind derzeit noch nicht heilbar. Eine frühzeitige Diagnose trägt jedoch bei fast allen Patienten dazu bei, den Erkrankungsverlauf zu bremsen und quälende Symptome zuverlässig zu lindern. Die langfristige Betreuung dieser Patienten und ihrer Angehörigen obliegt in mehr als 90 Prozent der Fälle dem Hausarzt.

Diese Zahlen machen deutlich, dass es in Zukunft besonders notwendig sein wird, gerade das Wissen um diese altersspezifischen und zumeist chronisch fortschreitenden Erkrankungen im Bereich der niedergelassenen Mediziner zu fördern.

Von Prim. Dr. Andreas Winkler, Ärzte Woche

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