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Foto: Privat
Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester sowie Diplom-Pflegepädagogin Irene Müller
 
Pflege 9. Dezember 2009

Sichtbar machen

Pflegende Angehörige sind überlastet, was sie leisten bleibt meist unsichtbar.

Über zwei Drittel der Demenzkranken werden von Angehörigen zu Hause versorgt. Wie belastend so eine Betreuung sein kann untersuchte die diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester sowie Diplom-Pflegepädagogin Irene Müller bei 90 pflegenden Angehörigen.

In ihrer Arbeit erfasste Müller unter anderem auch in welchem Ausmaß pflegende Angehörige demenzkranker Menschen unter depressiven Symptomen leiden. Insgesamt lösen die neuropsychiatrischen Symptome der Patienten Belastungen unterschiedlicher Intensität bei ihren pflegenden Verwandten aus. Müllers Untersuchung zeigte, dass Depression, Aggression, Wahn, Angst und Apathie den pflegenden Angehörige am meisten zu schaffen machen. Die Depression des Patienten ist dabei das belastendste Symptom für die Pflegenden. Weit mehr als ein Drittel der pflegenden Angehörigen demenzkranker Menschen leidet deshalb selbst unter depressiven Symptomen. Das Gefühl der Nähe zum Demenzkranken, wie es vor allem Ehepartner und Töchter empfinden, verstärkt depressive Symptome. Leidet der Patient an mehreren neuropsychiatrischen Symptomen, verschlimmern sie die Depression des pflegenden Angehörigen.

17 Stunden pro Tag

Die Prävalenz von Depression in der Allgemeinbevölkerung liegt bei etwa neun Prozent. Demnach ist die Gefahr an depressiven Symptomen zu erkranken für pflegende Angehörige demenzkranker Menschen mehr als dreimal so hoch. Die Tabelle zeigt das Ausmaß der depressiven Symptome der pflegenden Angehörigen in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis und von der Anzahl der Belastungsbereiche durch neuropsychiatrische Symptome. Immerhin sieben von insgesamt 35 Ehepartnern leiden unter einer klinisch relevanten Depression, während bei den anderen 50 pflegenden Angehörigen nur zwei Personen eine entsprechende Symptomatik zeigen. Studien zufolge wenden pflegende Angehörige knapp 300 Stunden pro Monat – mehr als 17 Stunden pro Tag – für die Betreuung des Demenzkranken auf. Etwa die Hälfte der Zeit wird für die Überwachung des Patienten bei Tag und Nacht verwendet. „Mein größtes Anliegen war, die Arbeit der Angehörigen sichtbar zu machen“, erklärt Müller. „Sie sind überlastet und fühlen sich nicht verstanden. Es gibt vor allem im ländlichen Raum keine Angebote, die ihren Bedürfnissen entsprechen.“ Damit das nicht so bleibt, fordert die WHO dass multidisziplinäre, gemeindenahe und rund um die Uhr erreichbare Fachteams zur häuslichen Versorgung von Menschen mit schweren psychiatrischen Störungen, wie sie unter anderen Demenzerkrankungen darstellen, aufgebaut werden. Und auch Müller wünscht sich: „dass sich die Institution umkehrt und zu den Betroffenen ins Haus geht.“

Quelle: Vortrag am 6. Dreiländerkongress Pflege in der Psychiatrie, 19. 11. 2009, Wien

Tabelle Depressivität der pflegenden Angehörigen (BDI) in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis und von der Anzahl der Belastungsbereiche
Verwandtschaftsverhältnis zum Patienten Anzahl der Bereiche mit starker Belastung (NPI 4-5) Anzahl Personen in der Untergruppe Aufgliederung nach Depressionsgrad
keine Depression
(BDI ≤ 10)
leichte / mäßige depr. Symptomatik (BDI 11-17) klin. rel. Depression BDI ≥ 18
Anzahl (%) Anzahl (%) Anzahl (%)
Ehepartner max. ein Bereich 9 8 (88,9%) 0 (0,0%) 1 (11,1%)
  2-3 Bereiche 14 5 (35,7%) 7 (50,0%) 2 (14,3%)
  4 oder mehr Bereiche 12 3 (25,0%) 5 (41,7%) 4 (33,3%)
alle anderen max. ein Bereich 25 20 (80,0%) 3 (12,0%) 2 (8,0%)
  2-3 Bereiche 18 14 (77,8%) 4 (22,2%) 0 (0,0%)
  4 oder mehr Bereiche 7 4 (57,1%) 3 (42,9%) 0 (0,0%)
Institut für Pflegewissenschaft, Hall in Tirol, Irene Müller, Christa Them

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