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Die Versorgung dementer Patienten bezieht verschiedene Berufsgruppen mit ein. Wer welche Aufgaben übernehmen soll und kann, ist noch nicht zur Gänze geklärt.

Dr. Georg Psota Gründer und Leiter des Wiener Geronto Psychiatrischen Zentrums

 
Pflege 16. September 2009

„Sie kommen mir bekannt vor – sind Sie mein Sohn?“

Ein einzelner dementer Patient benötigt ein gut funktionierendes Netz von Versorgungs-Partnern, und alle brauchen die Unterstützung der Gesellschaft.

In Österreich leben derzeit etwa 100.000 demenzkranke Menschen. Die ausreichende Versorgung dieser Patienten ist eine der großen gesellschafts- und gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Dr. Georg Psota, Gründer und Leiter des Wiener Geronto Psychiatrischen Zentrums, sprach bei den BrainDays 2009 speziell über Möglichkeiten und Probleme der extramuralen Betreuung und Behandlung demenzkranker Patienten.

 

In der 2002 veröffentlichten Canadian Study of Health and Aging wurden Prävalenz und Schweregrad von kognitiver Beeinträchtigung im höheren Lebensalter untersucht. Dabei zeigte sich eine inzwischen bekannte Tendenz: Demenzerkrankungen sind stark im Steigen begriffen und werden auch in Zukunft weiter anwachsen. Jeder vierte 80-Jährige ist an einer Demenz erkrankt, drei von vier Demenzkranken werden von Familienangehörigen betreut. Dabei sind zwei von drei der betreuenden Personen über 60 Jahre alt.

Demgegenüber gibt es nur rund 900 tätige Psychiater; in Bezug auf die neurologische Versorgung durch Fachärzte können ähnliche Zahlen vermutet werden. Und nur ein Bruchteil dieser Fachärzte beschäftigt sich näher mit dem Thema Demenz. Auch Behandlungsplätze sind heute bereits rar. Dazu stellt sich die Frage der Leistbarkeit, besonders im Hinblick auf die im deutschsprachigen Raum verbreitete Tendenz, Patienten stationär zu behandeln.

Die Versorgung eines einzigen dementen Patienten benötigt ein gut funktionierendes Netz an versorgenden Partnern. Der Hausarzt ist leider oft kein guter Versorgungs-Partner. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Antidementiva rasch abgesetzt werden. Nach einem Jahr nimmt nur noch ein Bruchteil der Patienten die entsprechenden Medikamente ein. In Österreich gibt es bereits eine Vielzahl an Gedächtnisambulanzen. Dabei stellen sich aber noch Fragen wie: Welche Berufsgruppen sollen hier involviert sein? Wie definieren sich die Aufgabenstellungen dieser Einrichtungen? Wer soll diese zertifizieren?

Im Zentrum der Patient

Das 2001 von Dr. Psota gegründete gerontopsychiatrische Zentrum (GPZ Wien) hat das Ziel, der Multiprofessionalität näher zu kommen. Im Zentrum steht der Patient mit seinen vielen Bedürfnissen, denen mit verschiedenen mobilen Diensten, wie zum Beispiel „Essen auf Rädern“, Orientierungsuntersuchungen, Hausbesuchen durch ausgebildetes Pflegepersonal, Angehörige, Hausärzte, Fachärzte etc., begegnet wird. Das GPZ Wien bietet Telefon- und Angehörigenberatung; zudem gibt es ein Sekretariat, das sich verschiedenster Fragestellungen annimmt und so eine „Mittlerfunktion“ erfüllt.

Da 48 Prozent der Patienten alleine in einem Haushalt leben, will das GPZ Wien eine beratende und kommunikative Plattform sein – nicht nur für Angehörige, sondern auch für die betreuenden Haus- und Fachärzte.

In einer Untersuchung von durch das GPZ versorgten Patienten (n=2840) zeigte sich, dass der Durchschnitt der „Mini-Mental State Examination“ (MMSE) aller Patienten bei 23 lag, bei Demenzpatienten nur um die 18. Die „Global Deterioration Scale“(GDS) liegt bei 4,9. Zum Vergleich: Bei einem GDS von 5-6 ist der Patient praktisch völlig hilflos.

Aus diesen Zahlen lässt sich ermessen, dass ein hoher Prozentsatz dieser Patienten nicht mehr in der Lage wäre, alleine zu Hause zu leben. Diese Patienten wären völlig unversorgt, würden keine Medikamente erhalten etc. Viele der ambulant behandelten Patienten weisen bereits BPSD („Behavioural and Psychological Symptoms of Dementia“) auf – sie müssten also bereits stationär behandelt werden. Im Pflegeheim ist die Zahl von Patienten mit BPSD noch höher.

Für die ambulante Versorgung von Patienten ist wichtig, dass die Betroffenen in Bezug auf ihre Medikation ausreichend betreut sind, dass eine Compliance aufgebaut werden kann, die Betroffenen ausreichend Pflegegeld erhalten, Unterstützung seitens der Verwandtschaft besteht, ein Betreuungssetting zu Hause funktioniert und insbesondere auch die Möglichkeit der teilstationären Behandlung besteht. Besonders der Ausbau von Tageskliniken ist in Zukunft für die Versorgung dieser Menschen wichtig.

Oft ist die ambulante Versorgung eines Patienten nicht mehr möglich – bei Schlaganfällen, Hochdruckkrisen, deliranten Zustandsbildern, bei massiven BPSD und Stürzen, besonders in Zusammenhang mit Frakturen, ist eine stationäre Aufnahme unumgänglich. Oder wenn Angehörige nicht mehr in der Lage sind, die Pflege und Versorgung zu übernehmen. In diesem Zusammenhang gibt es eine wissenschaftliche Arbeit von Bayer und Reban, die zu definieren versucht, wann eine Versorgung zu Hause beziehungsweise eine ambulante Behandlung nicht mehr zumutbar ist. Dabei führen die Autoren Faktoren wie „Doppelinkontinenz“, ständiges Verirren oder etwa ein massives BPSD an.

Zu weiteren Aspekten, die eine ambulante Behandlung unmöglich machen, zählen familiäre und finanzielle Belange. Die Art der Demenz und ihre Progression können limitierend wirken, wie auch nicht zuletzt der Wohnort, denn in den meisten ländlichen Gebieten gibt es keine adäquaten Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten.

Therapie der Demenz

Bei der Behandlung von Demenzkranken müssen mehrere krankheitsmodifizierende Faktoren mit bedacht werden. Neben einer möglichst frühen Diagnosestellung und Behandlung von BPSD müssen auch somatische Gebrechen mit in die Behandlung einbezogen werden. Auch das Medikamentenmanagement spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle – zum Beispiel das Vermeiden anticholinerger Substanzen. Eine Therapie sollte zudem kognitive Trainingsmöglichkeiten beinhalten.

Auch das Umfeld ist wichtig, besonders das Verbleiben in der gewohnten Umgebung und Tagesstruktur und die Integration der Verwandten in die Behandlung. Sie können durch Hotlines beraten werden, psychologische Betreuung und Informationen über die Erkrankung erhalten. Auch sogenannte professionelle Helfer können unterstützend wirken. Sie sollten über fundierte Kenntnisse zur Demenz verfügen und benötigen ebenfalls entsprechende Supervision, Information und Beratung, da bei allen versorgenden Personen die Rate an Erschöpfungsdepressionen hoch ist.

In Frankreich wurde deshalb schon 2008 ein nationaler Plan zur Behandlung des Morbus Alzheimer beschlossen, der unter anderem eine stärkere Einbindung von Allgemeinmedizinern, die vermehrte Errichtung von Tageszentren, ein flächendeckendes Netz von Kompetenzzentren, Beratung, Forcierung nichtmedikamentöser Behandlungsformen und die medikamentöse Alzheimertherapie als selbstverständlich vorsieht.

Von Dr. Samy Mazhar, Ärzte Woche 38 /2009

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