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Foto: Buenos Dias/photos.com
Nicht nur bei Männern und Frauen, auch schon bei den Mädchen und Buben ist es wichtig, in der Medizin auf geschlechtsspezifische Aspekte zu achten.
 
Pflege 14. Juli 2009

Hilfreiche Genderbrille

Geschlechtsspezifische Medizin schon in der Pädiatrie beachten.

Medikamente und Therapien sollten schon bei Kindern auch auf das Geschlecht abgestimmt sein, ebenso wie gesundheitsfördernde Maßnahmen, sagt Prof. Dr. Ulrike Salzer-Muhar von der Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin.

 

Mitte der 80er Jahre setzte das Buch Evas Rippe von der amerikanischen Kardiologin Dr. Marianne Legato den ersten Akzent in Richtung Gendermedizin. Inzwischen gibt es zahlreiche Studien, die sich mit diesem vielschichtigen Thema beschäftigen, und viele Projekte, die eine geschlechtssensible Gesundheitsförderung vorantreiben.

„In der Pädiatrie ist der Genderansatz leider noch sehr wenig oder aber überhaupt nicht verankert“, bedauert Prof. Dr. Ulrike Salzer-Muhar von der im Vorjahr gegründeten Österreichischen Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin. Sie ist Kinderkardiologin an der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde und beschäftigt sich mit den geschlechts- und genderspezifischen Unterschieden bei angeborenen Herzfehlern, Herzrhythmusstörungen und entzündlichen Herzerkrankungen.

„Geschlechtsspezifische Aspekte müssen klar von Aspekten abgegrenzt werden, die mit der sozialen Rolle, also dem Genderaspekt, zu tun haben“, so Salzer-Muhar. Die Genderrolle komme schon früh zum Tragen, schon vor der Pubertät.

„Es gibt medizinische Unterschiede aufgrund des Geschlechts – manche Krankheiten verlaufen bei Knaben anders als bei Mädchen, auch im Hinblick auf die Mortalität. Ein Beispiel ist die primäre pulmonale Hypertension“, erklärt Salzer-Muhar.

Schon länger bekannt ist, dass frühgeborene Mädchen im Vergleich zu Buben bessere Überlebenschancen haben sowie generell einen leichteren Einstieg in das weitere Leben. Studien in der Neonatologie belegen eine höhere Rate von Fruchttod bei männlichen Feten, auch die Frühgeburtlichkeit betrifft das männliche Geschlecht häufiger.

Wenig Fokus auf Genderaspekte

„Es gibt leider in der Literatur noch sehr wenige Arbeiten, die sich fokussiert mit geschlechtsspezifischen Unterschieden von Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen“, bedauert Salzer-Muhar. Wichtig wäre, beim Lesen medizinischer Fachliteratur genauer auf die Geschlechtsverteilung der untersuchten Patientengruppe zu achten – „es geht also darum, die Genderbrille aufzusetzen“.

Gendermedizin bedeutet für Salzer-Muhar auch, den Fokus auf die Gender-Rolle zu legen – „noch wird bei einem Burschen, der unbedingt intensiv Sport betreiben möchte, eine Herzoperation eher durchgeführt wird als bei einem Mädchen.“

Zudem gingen Mädchen und Burschen unterschiedlich mit Schmerzen um, auch in der Art, wie diese thematisiert und beschrieben werden. Bei der Betreuung von männlichen Jugendlichen stünden Fitness, körperliches Training und Sport thematisch im Vordergrund, bei Mädchen Kontrazeption, Kinderwunsch und Wiederholungsrisiko verschiedener Krankheiten.

„Bei Kindern kommt als zentraler Aspekt bei Diagnose und Therapie die Rolle der Eltern als ‚Zwischenstation‘ dazu – auch diese vermitteln aufgrund ihrer Gender-Rolle Informationen auf unterschiedliche Weise und bewerten Themen bei Töchtern anders als bei Söhnen, etwa wenn es um Narben nach Operationen geht“, unterstreicht Salzer-Muhar.

Geschlechtsaspekte mehr berücksichtigen

Sie wünscht sich daher, dass Gendermedizin in pädiatrischen Studien eine viel größere Bedeutung als bisher bekommt. „Dies gilt gerade auch für klinische Studien mit Kindern und Jugendlichen – aufgrund neuer Bestimmungen werden Medikamente jetzt endlich auch auf ihre Wirkungsweise bei diesen Zielgruppen untersucht.“ Weiters nötig wäre nach Ansicht Salzer-Muhars die Entwicklung geschlechtssensibler Therapierichtlinien für die verschiedenen Spezialfächer – „das wäre ein ganz wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Betreuungsqualität!“ Dies gelte auch für Prävention und Gesundheitsförderung: Inzwischen gebe es zwar einige Projekte, die speziell auf die Lebenssituation von Mädchen oder Buben abgestimmt sind, aber auch in diesem Feld stehe diese Entwicklung eigentlich erst am Anfang.

Frau-Sein und Mann-Sein

Neben Wissenschaft und Forschung ist für Salzer-Muhar die Herausarbeitung von geschlechts- und genderspezifischen Aspekten in pädiatrischen Lehrbüchern ebenso nötig wie bei der Vermittlung von Lehr- und Lerninhalten an den medizinischen Universitäten.

Ein weiterer wenig beachteter Aspekt sei die Rolle des Arztes bzw. der Ärztin – es gebe eine große Bandbreite an Möglichkeiten, Frau-Sein und Mann-Sein in der Medizin zu leben, und dies habe Auswirkungen auf den Verlauf von Diagnose- und Aufklärungsgesprächen. Daher ist es für Salzer-Muhar ein sehr positiver „Nebeneffekt“, der sich aus der Diskussion geschlechts- und genderspezifischer Aspekte von Patienten in einem Team ergibt: „Ärztinnen und Ärzte werden sich der eigenen beruflichen Genderrolle mehr bewusst.“

 

www.gendermedizin.at

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 28 /2009

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