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Pflege 27. Juni 2009

Altsein in der Fremde kann sehr bitter sein

Transkulturelle Geriatrie – Kenntnis und Berücksichtigung kultureller Vielfalt hilft, die Lebenssituation geriatrischer Patienten zu verbessern.

Altsein ist nicht leicht. Und erst recht nicht für Menschen, die ihren Lebensabend in einem fremden Kulturkreis verbringen. So könnte das Motto des Wahlmoduls lauten, das kürzlich unter dem Titel „Transkulturelle Aspekte in der Geriatrie“ im Rahmen des Masterstudienganges Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Medizinischen Universität Graz abgehalten wurde.

Aktuelle und zukunftsorientierte Themen aufzugreifen und den Studierenden eine diesbezügliche Auseinandersetzung zu ermöglichen, ist eines der Hauptziele des Instituts für Pflegewissenschaft der Medizinischen Universität Graz, dessen Leiterin Prof. Dr. Christa Lormann ist. Im Rahmen von Wahlmodulen werden immer wieder namhafte Expertinnen und Experten eingeladen, wie etwa Doz. DDr. Alexander Lapin aus dem Sozialmedizinischen Zentrum Sophienspital der Stadt Wien.

Die Relevanz transkultureller Fragestellungen ist unbestritten und nimmt insbesondere im Bereich der Pflege immer mehr an Bedeutung zu. In der Begegnung von Mitarbeitern des Gesundheitswesens und Patienten kann diese Tatsache zu einer Ursache erheblicher Kommunikationsschwierigkeiten werden.

Unterschiedliche Voraussetzungen

Obwohl beide Partner dieser „asymmetrischen“ Begegnung gleichermaßen an einer möglichst effizienten und effektiven Therapie interessiert sind und somit ein gemeinsames Ziel verfolgen, sind ihre Ausgangspositionen grundverschieden: Während das pflegerische, therapeutische und medizinische Personal unter dem Zwang der beruflichen und zeitlichen Möglichkeiten steht, wird die Situation der Patientinnen und Patienten häufig durch Ängste, Sorgen und Unsicherheit bestimmt. Gleichzeitig ist aber speziell eine gut funktionierende Kommunikation eine wesentliche Voraussetzung für gegenseitiges Vertrauen, Compliance und letztlich für eine bessere Lebensqualität.

Regression als kommunikative Herausforderung

In der Geriatrie gehört das Thema „Kommunikation“ zu einem der zentralen Aspekte des klinischen Alltags, insbesondere im Zusammenhang mit der altersbedingten Regression, die im transkulturellen Kontext eine besondere Herausforderung darstellt. Menschen, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind, kehren am Ende ihres Lebens immer häufiger in die Welt ihrer Jungend „zurück“ – und damit auch in diese Kultur. Dadurch kann sich die Kommunikationsproblematik im Sinne der interkulturellen Dimension verschärfen.

Klischee, Stereotyp und Vorurteil

Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens stellen sich somit viele Fragen: Wie gehe ich mit einer Person um, die aus einer anderen Kultur stammt? Worüber definiert sich diese Kultur, Ethnie oder Religionszugehörigkeit? Inwieweit können spezifische Mentalitäten, Tabus oder auch individuelle Bedürfnisse für den klinischen Alltag relevant sein? Auf diese und ähnliche Fragen ging Lapin im Rahmen des Moduls „Transkulturelle Aspekte in der Geriatrie“ ein.

In diesem Zusammenhang diskutierten und vertieften die engagierten Studierenden der Gesundheits- und Pflegewissenschaft aber auch Themen wie: Was bedeutet „Fremdsein“? Ab wann beginnt ein Vorurteil, und wie geht der Einzelne mit diesem Aspekt um? Gibt es Mechanismen zur Aufweichung von Entfremdungsbarrieren? Welche demographischen Veränderungen können wir in unserer unmittelbaren Zukunft erwarten, und welchen Kulturen werden wir vermehrt begegnen?

Hierbei lag der Fokus vor allem in der eigenständigen und reflektierten Auseinandersetzung der Fragestellungen, welche das Institut für Pflegewissenschaft mittels moderner erwachsenenpädagogischer Konzepte, repräsentiert vor allem durch Diplom-Pflegepädagogin Julianne Eichhorn-Kissel, verfolgt.

Insbesondere die begleitete Gruppenarbeit kam in diesem Zusammenhang zum Tragen. Den Abschluss des Moduls bildete daher auch ein Studenten-Symposium, bei dem die Studierenden Ergebnisse eigener Recherchen und Auseinandersetzungen präsentierten. So wurden beispielsweise einige biographische Assessments vorgestellt, basierend auf Gesprächen mit älteren Personen mit Migrationshintergrund.

Andere Länder, andere Bedürfnisse

Die persönliche Lebensgeschichte sowie Besonderheiten aus pflegerischer Sicht wurden erhoben, analysiert und reflektiert. Darüber hinaus wurde über ausgewählte geriatrische Versorgungsaspekte z. B. des Roma-Volkes, von MigrantInnen aus Bosnien-Herzegowina sowie von Einwanderern aus China und Indien berichtet. Es gilt, Traditionen, Bedürfnisse und Besonderheiten älterer Personen im Hinblick auf religiöse Bräuche, Essgewohnheiten und das familiäre Umfeld zu beachten.

Bereichernde Begegnung

Wie sich zeigte, stellte diese Art der Lehrveranstaltung ein Novum für Österreich dar, obwohl die Thematik der „Transkulturellen Geriatrie“ bereits seit den 50er-Jahren im US-amerikanischen Raum etabliert ist. Gerade aufgrund dieser Neuartigkeit erfreute sich die Lehrveranstaltung größten Erfolges.

Den Studierenden konnte vermittelt werden, dass die Begegnung mit älteren Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen vor allem eine Bereicherung für sie selbst und ihre zukünftige bzw. weitere Berufstätigkeit im Gesundheitswesen darstellen kann.

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 26 /2009

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