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Neurologie 7. Februar 2008

Neurogeriatrie – eine Standortbestimmung

Immer mehr betagte und hochbetagte Menschen mit neurologischen Erkrankungen, hohe Kosten für das Gesundheitssystem auch aufgrund hoher medizinischer Versorgungsqualität: Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie hat ein Positionspapier vorgelegt, wie diese Herausforderung gemeistert werden kann.

In einem konsensuellen Prozess und unter Einbeziehung neurogeriatrischer Fachexperten hat die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) erstmals ein Positionspapier zur Definition der Neurogeriatrie vorgelegt. Demnach versorgt die Neurogeriatrie betagte und hochbetagte, multimorbide, im Vordergrund neurologisch erkrankte Personen, für die der Bedarf einer führend neurologischen, multimodalen, ganzheitlichen Behandlung und Betreuung besteht. Sie zielt sowohl auf medizinische als auch funktionelle, psychische, kognitive und soziale Aspekte der Erkrankungen ab, um nach einer durch eine gesundheitliche Störung hervorgerufenen Verschlechterung des Grades der Selbstständigkeit eine bestmögliche Reintegration zu erreichen oder neurologischen Erkrankungen oder neurologisch bedingten Funktionsverschlechterungen vorzubeugen.
Wie in anderen Bereichen der Geriatrie werden auch in der Neurogeriatrie verschiedene medizinische Disziplinen, Therapieberufe, Pflegeberufe, Sozialdienste und Psychologen zusammengeführt.
Die im Rahmen des multimorbiden Erkrankungsspektrums häufigsten neurologischen Diagnosen sind die Folgen von Schlaganfällen (ischämische Infarkte und Blutungen), neurologische Schmerzsyndrome, periphere neurologische Erkrankungen, Erkrankungen motorischer Systeme, Verletzungen des Nervensystems, Anfallsleiden, Demenzen und sensorische Funktionsstörungen. Die Diagnostik im höheren Lebensalter ist vielschichtiger und häufig auch komplizierter und die Krankheitssymptome können oft von typischen Mustern abweichen. Spezielle Situationen ergeben sich im Rahmen der pharmakologischen Behandlung im höheren Lebensalter nahezu regelmäßig infolge besonderer Interaktionen und altersabhängiger Nebenwirkungen.

Rehabilitierbare Erkrankungen

Laut einer Studie der WHO aus dem Jahre 2001, die untersuchte, welches die häufigsten Ursachen für ein Leben mit bleibender Behinderung sind, zählten Leiden aus dem neurologischen Formenkreis mit knapp 50 Prozent zu den führenden Ursachen. Besonders erwähnenswert ist, dass es sich hierbei um Erkrankungen handelt, die prinzipiell als rehabilitierbar gelten bzw. sich durch ein gegebenes Rehabilitationspotenzial auszeichnen. Die Indikation zur neurogeriatrischen Behandlung und Versorgung wird nach ausführlicher Anamnese (auch Fremdanamnese) sowie primärer Akut-Diagnostik und Akutbehandlung an Akutabteilungen oder Akutambulanzen gestellt.

Individuelles Konzept

Neurogeriatrie erfolgt an neurogeriatrischen Abteilungen, Ambulanzen oder tagesmedizinischen Zentren mittels eines den individuellen medizinischen und sozialen Bedürfnissen entsprechenden Behandlungskonzeptes mit Definition der Behandlungsziele, der anzuwendenden Methoden und Verfahren und Festlegung eines Zeitplanes.
Die Neurogeriatrie ist inhaltlich nahezu immer mit dem Prozess der neurologischen Rehabilitation verknüpft und bildet mit ihr ein integrales System. So bedient sie sich in großen Bereichen der Methodik der Neurorehabilitation, unterscheidet sich von dieser jedoch durch das im Regelfall höhere Alter der Patienten und der alters- und multimorbiditätsbedingten mehrfachen Einschränkungen. Aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns ergibt sich einerseits ein Argument für die Forderung nach einem möglichst frühzeitigen Rehabilitationsbeginn, andererseits auch die Verpflichtung, selbst bei betagten Personen potenziell rehabilitierbare Restfunktionen und sensomotorische wie auch kognitive Kompensationsfähigkeiten zu erkennen und darauf aufbauend entsprechende restitutive Rehabilitationsverfahren einzusetzen. Die Möglichkeit der Wiederherstellung und Veränderung von Neuronenverbindungen bewegt sich innerhalb verschiedener, teilweise auch enger Grenzen. Sie ist abhängig vom Ausmaß, der Lokalisation sowie dem Alters der Schädigung, von dem Zeitpunkt des Therapiebeginns, der Dauer, Intensität und Häufigkeit der Therapie. Ein weiteres wichtiges Kriterium stellt die Motivation von Patient und Therapeuten dar.
Komplexe Erkrankungen und teilweise chronifizierte Schädigungsmuster bedürfen einer fachlich hochqualitativen und interprofessionellen Betreuungsstruktur. Im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtungsweise von Gesundheit und der individuellen Lebensqualität.

Dr. Andreas Winkler, MSc, ist Vorstand der Abteilung für Neurologische Geriatrie und Rehabilitation, Haus der Barmherzigkeit, Wien.

Dr. Andreas Winkler, Ärzte Woche 6/2008

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