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27. Juni 2006

"Wir haben die Nase voll!"

Vergangenes Wochenende wurde seitens der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) zum Delegiertentag nach Graz geladen. 420 Kollegen folgten Brettenthalers Ruf, um dort zu hören: „Wir haben genug. Wir haben die Nase voll. Wir sind nicht die Bittsteller einer Regierung, auch nicht einer anderen. Wir sind für unsere Patienten verantwortlich. Wir sind auch nicht die Lieferanten für Datenfriedhöfe (...).“ Andere heftige Sprüche folgten über unerträgliche Dienstzeiten in Spitälern und administrativen und finanziellen Mehraufwand in den Praxen ohne jegliche adäquate Abgeltung und Hilfestellung. Nein, es ist nicht so schlimm. Es ist viel schlimmer: In einem im freundschaftlichen Du geführten Streitgespräch – nachzulesen in der Presse vom 23. Juni – kann man nur allzu deutlich merken, welche „Zuneigung“ ÖÄK-Präsident Brettenthaler im besonderen und die Ärzteschaft schlechthin bei der Frau Gesundheitsminister genießt. Auch nichts Neues, bedeuten doch alle Ärzte zusammen genommen bei den kommenden (auch bei den vergangenen) Nationalratswahlen nicht einmal ein Mandat. Um ihres scheint sich Frau Rauch-Kallat ohnehin keine Sorgen zu machen, glaubt sie sich doch ob ihrer Erfolge unverzichtbar. Solange die Erfolge am „Inneren Schweinhund“ gemessen werden, an der „Ernährungspyramide“, an der Zahl von Eröffnungsreden und EU-Blabla und nicht an der Einführung adäquater Arzneimittel und deren Preisgestaltung oder der administrativen Entlastung der Ärzte, damit diese endlich das politische Versprechen für mehr Zuwendungs- und Vorsorgemedizin umsetzen können, wird sie sich diese Erfolge an einen ihrer Hüte stecken können. Angesteckt von den Erfolgen der Kollegenschaft in Deutschland, dürften unsere Standesvertreter erstmals erkannt haben, dass 400 weiße Mäntel auf der Straße noch nicht genügen. Stimmung kommt erst auf, wenn es gelingt, das Publikum mit zu reißen. Schließlich sind es unsere Patienten, um die wir uns täglich abmühen. Abmühen gegen Administrationsauflagen der Sozialversicherung, ministerielle Anlassgesetz-gebung und vieles mehr. Fragen dürfen wir uns allemal, ob der Ak-tionismus seitens der Standesvertretung vor einer Nationalratwahl wirklich opportun ist. Wohl kaum. Es ist nicht anzunehmen, dass dieses „patientenfreundliche“ Verhalten parteipolitisch ist. Eher nicht. Derzeit ernten wir vielmehr die Versäumnisse aus Gegenwart und Vergangenheit. In Zukunft werden wir wohl unsere Kundschaft gezielt auf die Nebenwirkungen der Politik aufmerksam machen müssen. Um uns das notwendige Gehör zu verschaffen, müssen Spitäler und Praxen nur Dienst nach Vorschrift machen. Erst dann wird erkennbar sein, wie weit politisch schön Geredetes von der Realität abweicht. n

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 26/2006

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