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31. Mai 2006

Plagen der Liebesgöttin im Radio der Zukunft (Narrenturm 57)

Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum ist auf den zurzeit „heißesten Medientrend“ der weltweiten Internet-Gemeinde aufgesprungen: Podcasting. Die erste verfügbare Datei informiert in 20 Minuten über Krankheiten, die durch sexuelle Kontakte übertragen werden.

Mit dem Begriff Podcast können zumindest ältere Semester zunächst nichts anfangen, selbst wenn sie gern im Netz surfen. Es ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus den beiden Wörtern „broadcasting“ – Rundfunk – und iPod – der Name des Audioplayers von Apple. Podcasting ist das Produzieren und Anbieten von Audio­dateien über das Internet. Diese „Radiosendungen“ können aus dem Netz auf den eigenen PC, auf iPod oder ein anderes MP3-Gerät geladen und abgespielt werden. Die Sendungen können beliebig zusammengestellt und, wann und wo man gerade will, gehört werden, also Radio on demand. Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum, das neben seiner wissenschaftlichen Sammeltätigkeit auch stets das Fähnlein der Aufklärung und Volksbildung hoch hält, bietet auf seiner Web­seite www.narrenturm.info als ersten Podcast-Download unter dem Punkt „Wissenschaft“ eine umfangreiche Audiodatei zum Thema „Sexuell übertragbare Krankheiten“ an. Der professionell gestaltete Podcast von Dr. Beatrix Patzak informiert in zwanzig Minuten nicht nur über die klassischen Geschlechtskrankheiten – die so genannten venerischen Infektionen –, sondern auch über andere Erkrankungen, die durch Sexualkontakte übertragen werden können. Sexually transmitted diseases (STD) bzw. infections (STI), wie sie heute auch im deutschen Sprachraum genannt werden. Eine Thematik, über die die öffentliche Schausammlung im Narrenturm umfangreich und drastisch informiert. Der Podcast ist hier nicht nur eine umfassende Information über STD, sondern gleichsam auch „Katalogersatz“ für das audiophile Publikum. Neben den klassischen Krankheiten der Liebesgöttin Venus – Lues, Gonorrhoe und Ulcus molle – wird die Menschheit auch durch eine Reihe anderer Erkrankungen, die vorwiegend durch Sexualkontakte übertragen werden, gequält: Hepatitis, Aids, Herpes, Condylome, Mykosen, Chlamydien, Trichomonaden, Filzläuse und Skabies. Fast alle diese Erkrankungen kann der interessierte Besucher in der Schausammlung des Narrenturms an Hand von Feucht- und Knochenpräparaten, Zeichnungen, Fotos oder Moulagen studieren. Das kurioseste Präparat der Sammlung ist wohl der Schädel eines Schusters, dem die Lues den knöchernen Gaumen im wahrsten Sinn des Wortes wegfraß. Als Handwerker wusste er sich zu helfen. Er konstruierte sich selbst eine Prothese, mit der er den Defekt seines Gaumens abdeckte. Die erhaltene Prothese aus Leder und Kork scheint gut funktioniert zu haben. Sie kann in der Schau­sammlung besichtigt werden. Auch noch so eindrucksvolle, dramatische und drastische Schilderungen von Veränderungen der Haut, diverser Organe und Körperöffnungen bei diesen Erkrankungen wirken im Podcast allerdings etwas flach und flau, jedenfalls im Vergleich mit den Präparaten und den naturgetreuen dreidimensionalen Moulagen der genialen Wiener Moulagenkünstler im Narrenturm. Da die innovative Direktion des Narrenturms dies weiß und der Podcast vor allem ein Anreiz zum Besuch der Schausammlung sein soll, bietet der Narrentum ein besonderes Zuckerl an: Wer beim Besuch des Museums den auf der Narrenturm-Website angebotenen Download auf iPod, MP3-Player oder Handy vorweisen kann, erhält freien Eintritt in die Schausammlung.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 22/2006

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