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31. Mai 2006

TENS bei diabetischer Polyneuropathie

Die transkutane elektrische Nervenstimulation, kurz TENS, wird von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft als Ergänzung in der Schmerzbehandlung bei diabetischer Neuropathie empfohlen. Bisherige Studienergebnisse sind ermutigend.

Die Neuropathie ist eine der häufigsten Langzeitkomplikationen bei Diabetes. „Fast jeder zweite Diabetiker entwickelt eine Neuropathie“, so Dr. Bertram Disselhoff aus dem deutschen Wetzlar, Ende Februar auf dem 11. Internationalen Wiener Schmerzsymposium. Die häufigste Manifestation stelle die distal-symmetrische Polyneuropathie dar. Nicht selten verlaufe die diabetische Neuropathie chronisch-schmerzhaft.

Multimodales Konzept

Wie Disselhoff erklärte, stellt die diabetische Neuropathie mit ihrem komplexen Erkrankungsbild eine besondere therapeutische Herausforderung dar. Wichtig sei ein multimodales Therapiekonzept. Die Einbeziehung nichtmedikamentöser Verfahren wie der trans-kutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) sei dabei sinnvoll. Bereits im alten Ägypten und im antiken Griechenland wurde elektrischer Strom zur Schmerzbehandlung verwendet: Damals kamen verschiedene Fischarten, wie etwa der Zitterrochen, bei Gicht zum Einsatz. In der frühen römischen Heilkunde wurden die elektrischen Impulse des Zitteraals zur Behandlung von Arthritis und Kopfschmerzen eingesetzt. „Die Wirkung von TENS dürfte vor allem auf einer Reduktion der spontanen Impulssalven der sen-sorischen Axone, einer Umkehr der zentralen Sensibilisierung, zentraler opioider­ger Schmerzreduktion und Aktivitätsminderung der dorsalen Rückenmarksneurone beruhen“, erläuterte Disselhoff. Wichtig bei der TENS-Anwendung sei vor allem, dass die Patienten ein leichtes Prickeln verspüren. Die Wirksamkeit des Verfahrens wurde in verschiedenen Studien belegt, so der Experte. Die Effekte zeigten sich auch bei einer Behandlung über einen längeren Zeitraum, wie Julka et al. vom Department of Medicine der University of Southern California, Los Angeles, berichteten (J Foot Ankle Surg 1998). In dieser Studie betrug die durchschnittliche Anwendungsdauer 1,7 Jahre.

In Deutschland anerkannt

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft hat TENS als akzessorische Therapie anerkannt. Sie zählt zu den Therapieformen, die „in der Leitlinie zu Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle der Neuropathie bei Diabetes mellitus als Ergänzung in der Schmerzbehandlung empfohlen werden“. TENS führe zu einer „signifikanten Verbesserung neuropathischer Beschwerden (Evidenzklasse Ib = Evidenz aufgrund mindestens einer randomisierten, kontrollierten Studie)“, heißt es in der Leitlinie. „TENS potenziert den analgetischen Effekt von Morphin und Clonidin und reduziert den Opiatbedarf“, erklärte Disselhoff. Eine interessante Option stelle aus seiner Sicht zudem die Kombination mit einem Lidocain-Pflaster dar. Die bei der TENS verwendeten Frequenzen liegen in der Regel zwischen 2 und 100 Hz. Die Stimulation mit 50 bis 100 Hz wird (fälschlicherweise) als Hochfrequenz bezeichnet, die niedrigfrequente TENS arbeitet mit 2 bis 10 Hz. „Welche Frequenz im Einzelfall die hilfreichere ist, kann nur durch Ausprobieren ermittelt werden“, betonte Disselhoff. Was die Platzierung der Elektroden betrifft, sei das Anlegen im Schmerzareal am effektivsten. Die Elektroden werden daher zumeist über dem N. peronaeus am Fibulaköpfchen und proximal der Metatarsalköpfchen angebracht. Zum Einsatz kommen auch Socken- und Handschuhelektroden. Eine weitere Option stelle die Wasserbad-TENS mit zwei Eimern Leitungswasser für die beiden Extremitäten dar. Disselhoff: „Das Wasser dient als vergrößerte Elektrode, die Polung wird von Sitzung zu Sitzung gewechselt. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass die Haut austrocknet. Diese Behandlungsform eignet sich daher nur für Patienten mit intakten Hautverhältnissen, die zu einer entsprechenden Hautbeobachtung und -pflege imstande sind. Zusätze ins Wasser sind nicht zu empfehlen.“

TENS vielseitig einsetzbar

Aufgrund der Allodynie sei das Anlegen der Elektroden im Schmerzareal nicht immer möglich. Als Alternative komme vor allem die Stimulation im Bereich des Quadrizeps in Frage. Um bei einer Langzeitanwendung von TENS der Gefahr einer Hautirritation und -schädigung vorzubeugen, sollten Geräte mit AKS-Schaltung verwendet werden, empfahl Disselhoff. Abschließend ging der Experte noch auf weitere Einsatzmöglichkeiten des Verfahrens ein: „TENS verbessert die mikrovaskuläre Hautdurchblutung und wird in der Ulzerabehandlung eingesetzt. Weiters hat sie sich auch bei alkoholischer Polyneuropathie und bei therapierefraktärer Angina pectoris als hilfreich erwiesen.“

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