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23. Mai 2006

Erfolgreicher Kampf gegen den bleichen Tod (Narrenturm 56)

Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm widmet der Information über die „Wiener Krankheit“, wie die Tuberkulose um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert europaweit genannt wurde, breiten Raum. Der Wiener Kinderarzt Clemens Freiherr von Pirquet spielt darin eine wichtige Rolle.

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts allgegenwärtige Tuberkulose hatte ihren Beinamen „Wiener Krankheit“ nicht zu Unrecht: 1909 zeigte eine Studie, dass 90 Prozent aller vierzehnjährigen Wiener in ihrem kurzen Leben bereits Kontakt mit dem Mycobakterium tuberculosis hatten. Der Wiener Kinderarzt Clemens Freiherr von Pirquet (1874–1929) nimmt einen musealen Ehrenplatz nicht nur in der Ausstellung über den bleichen Tod im Narrenturm ein, sondern auch in der globalen Geschichte der Tuberkulose: Der Begründer der Allergologie und Schöpfer des Begriffes „Allergie“ wurde noch durch eine andere medizinische Großtat weltberühmt – durch die von ihm entwickelte und auch nach ihm benannte Tuberkulinprobe. Pirquet bemerkte, dass es bei dem von Robert Koch bereits 1890 als Diagnostikum und „Heilmittel“ gegen die Tuberkulose eingeführten Tuberkulin zu Rötung und Schwellung an der Einstichstelle und Fieber kam. Diese so genannte „Kochsche Lymphe“ taugte aber nach anfänglichen enthusiastischen Erfolgsmeldungen weder als Diagnostikum noch als Heilmittel. Schlimmer noch, bei der Anwendung des Medikaments waren tödliche Zwischenfälle zu verzeichnen. Wie Pirquets damaliger Chef und Lehrer an der Universitäts-Kinderklinik in Wien, der führende Pädiater dieser Zeit Theodor Escherich (1857–1876), hielt auch er diese Reaktionen für spezifisch tuberkulöse Gewebsreaktionen. Im Gegensatz zu Escherich – nach dessen überraschendem Tod Pirquet 1911, nach Gastspielen an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore und in Breslau seine Nachfolge in Wien antrat – erkannte Pirquet aber den praktischen Wert dieser Beobachtung. Seine Theorie stellte er schließlich am 8. Mai 1907 in der Berliner Medizinischen Gesellschaft vor: „Wenn man ein tuberkulöses Kind impft, und zwar nicht mit Vaccine, sondern mit Tuberkulin, so entsteht an der Stelle der Impfung selbst eine kleine Papel, die anfangs hellrot ist, allmählich dunkelrot wird und innerhalb von acht Tagen abblasst.“

Bohrung am Unterarm

„Sie hat eine Ausdehnung von 5 – 20 Millimeter“, erläuterte er weiter. „Diese Reaktion führe ich in der Weise aus, dass ich am Unterarm zwei Tropfen verdünntes Alt-Tuberkulin auftrage, dann mit einer Impflanzette, die zum Drehen eingerichtet ist, um eine ganz gleichmäßige Verwundung zu erlangen, innerhalb des Tuberkulintropfens eine Bohrung ausführe.“ So beschrieb er erstmals die später nach ihm benannte Hautreaktion auf Tuberkulin in geringster Dosis zur Diagnose der Tuberkulose. „Er ist zwar sehr tüchtig, aber er bohrt mir alle Kinder an“, jammerte damals noch sein Chef Escherich. Die Pirquet-Probe belastete die Patienten aber wesentlich weniger als die bis dahin durchgeführte diagnostische Impfung mit Tuberkulin, bei der es meist zu Nekrosen und heftigen Fieberreaktionen kam. Für die „Bohrung“ entwickelte Pirquet ein spezielles Instrument: „Das Impfinstrument (...) hat eine meißelförmige Spitze aus Platin­iridium und wird nicht zum Schneiden, sondern zum Bohren verwendet: man dreht es unter mäßigem Drucke, so dass eine zarte Verletzung der Epidermis entsteht. Blut soll nicht zum Vorschein kommen.“ Mit dieser genial einfachen Methode konnte nun erstmals ohne großen Aufwand eine Frühdiagnose der Tuberkulose gestellt werden. Die „Pirquet-Probe“ gehörte bald zur täglichen Routine im Krankenhaus. Jetzt erkannte man erst, dass die Tuberkulose sehr viel weiter verbreitet war, als angenommen.

Früherkennung möglich

Tuberkulosekranke wurden nun viel früher erkannt, sie konnten isoliert und unter die Obhut der öffentlichen Fürsorge gestellt werden. Die gesamte Tuberkulosefürsorge wurde nun viel effektiver eingesetzt. Mit dem „Zauberberg“ in der Schweiz konnte die Fürsorge in Wien natürlich nicht konkurrieren, aber für die tuberkulösen Arbeiter waren auch die Licht- und Luftkuren, etwa in der Heilanstalt Alland bei Wien, „von der man sich wahre Wunderdinge erzählte“, das Ziel all ihrer Sehnsucht. Durch die Früherkennung, den weiteren Ausbau der Fürsorge, bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen, bessere Ernährung und hygienische Verhältnisse konnte man die Todesfälle an Tuberkulose auch ohne spezifische Medikamente von 35 Prozent im Jahr 1884 und 13,4 Prozent im Jahr 1923 auf 9,3 Prozent im Jahr 1932 senken. Clemens von Pirquet selbst betrachtete die Tuberkulinprobe als das weitaus wichtigste Resultat all seiner Forschungen. Mit der auch heute eingesetzten „Pirquet-Probe“ und dem noch immer im einschlägigen Fachhandel erhältlichen „Pirquet-Bohrer“ ging er in die Geschichte der Medizin ein.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 21/2006

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