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23. Mai 2006

Gratisdienste für 25 Mio. Euro

Wiederholt äußerten in letzter Zeit Regierungsmitglieder ihren Unmut über den Widerspruchsgeist der Ärzteschaft. Sie parieren einfach nicht! Und im Übrigen ist die seitens der Mediziner geäußerte Kritik unberechtigt! Na – wir Ärzte wissen ja: In großen Höhen ist der Sauerstoff etwas knapper und die Sinne können getrübt sein. Für Wiener Niveau gilt diese Ausrede wohl noch nicht. Vielleicht tut es Not, den Horizont dieser Gesellschaft ein wenig zu erweitern. Ein Blick nach Deutschland genügt, um zu zeigen, dass die Schmerzgrenze der Ärzteschaft sehr wohl überschritten werden kann. Und dass in diesem Fall der Appell an den Hippokratischen Eid keine Wirkung mehr zeigt. Hier bei uns schaut es nicht wirklich anders aus. Unendlich lange zieht sich schon die Geschichte an den Universitätskliniken um eine ordentliche Dienstzeitregelung und Abgeltung der Überstunden. Mit einer Arbeitszeitvereinbarung aus dem Jahr 2002 wähnt man sich seitens des Ministeriums im grünen – pardon: schwarzen – Bereich. Die Betriebsvereinbarung sieht vor, dass die über die ersten 160 Journaldienststunden hinaus gehende Zeit finanziell abzugelten ist und die ersten 160 Journaldienststunden auf dem Wege des Zeitausgleiches zu konsumieren sind. Allein am Wiener AKH sind 190 Nachtdienste pro Tag zu besetzen. Die Aufrechterhaltung des Betriebes macht es unmöglich, die anfallende Freizeit zu konsumieren. Die unabgegoltene Freizeit beläuft sich nach Schätzungen der Betriebsräte auf 25 Millionen Euro. Geld, welches das Bildungsministerium nicht bezahlen will. Ungeachtet dessen ist natürlich zu hinterfragen, warum erst in der „neuen“ Vereinbarung ab 2007 die Wahlmöglichkeit zwischen Freizeit und Bezahlung eingeräumt werden soll. Abgesehen von der Bezahlung, sind die Arbeitszeiten als solche zu hinterfragen. Sieht das Gesetz doch eine Maximalarbeitszeit von 72 Stunden bei maximal 49 Stunden en Block vor. Letztere Regelung wird angeblich weitgehend eingehalten. Von der 72-Stunden-Woche können die meisten Klinikärzte angeblich nur träumen. Glück für die verantwortlichen Ministerien dürfte sein, dass sich noch kein Patientenanwalt dieses Themas nachhaltig angenommen hat.Unglaublich still verhalten sich auch die Ärztekammern. Die tatkräftige Unterstützung seitens der Standesvertretung, die offenen 25 Millionen Euro einzutreiben, lässt auf sich warten. Bei so viel Engagement sollte man sich über ein weiteres Absinken der Wahlbeteilung bei der nächsten Kammerwahl nicht wundern. Dort spekuliert man ganz offensichtlich mit dem „kleinen“ harten Kern. Dumm wäre nur, wenn diese Rechnung nicht aufgeht und die Karten völlig neu gemischt werden. Wer will schon gratis Dienst tun?

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 21/2006

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