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18. Mai 2006

Einst teures Wundermittel, heute im Schwedenbitter (Narrenturm 55)

Theriak, eine Mixtur aus bis zu 300 verschiedenen Inhaltsstoffen, war 2000 Jahre lang das berühmteste und wichtigste Heilmittel der Humanmedizin. Ursprünglich als universelles Antidot bei allen möglichen Vergiftungen verwendet, wurde es bald für so gut wie jedes Wehwechen eingesetzt. Nach der Einnahme fühlten sich die dergestalt Behandelten wohl, vermutlich auch deshalb, weil ein wesentlicher Bestandteil dieser „Himmelsarznei“ Opium war.

Im 18. und 19. Jahrhundert waren Rundschreiben, so genannte „Circulare“, das übliche Kommunikationsmittel von staatlichen Obrigkeiten zu untergeordneten Dienststellen und von diesen wiederum zur des Lesens und Schreibens oft unkundigen Bevölkerung. Richtlinien, Vorschriften, Gebote und Verbote brachte man so dem Volk zur Kenntnis. Pfarrer waren verpflichtet, Texte von allgemeiner Wichtigkeit von ihrer Kanzel aus zu verlesen. Das pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm besitzt eine umfangreiche Sammlung von medizinhistorisch interessanten Zirkularen, die sich mit Maßnahmen zur Verbesserung der Volksgesundheit, Seuchenverhütung, Aufbahrungs- und Begräbnisvorschriften oder Sanitätsverordnungen für Medici, Wundärzte, Bader, Hebammen und Apothekern beschäftigen. Das „Circulare der k.k. Landesregierung im Erzherzogthume Österreich unter der Enns vom 31. Julius 1816“ befasst sich mit der „Einfuhr des Theriaks“ – mit dem Import dieses damals überaus teuren und geschätzten Universalheilmittels: „Seine Majestät haben nach Inhalt hoher Hofkanzley-Dekrete vom 8. April und 6. Julius d. J. allergnädigst zu entschließen befunden, daß bey der Einführung des Venezianischen oder Triester Theriaks sich an die bestehenden Sanitätsvorschriften zu halten sey, hienach derselbe bloß von den Apothekern eingeführt, und einzig von diesen nach eben der Vorschrift, welche für den Wiener Theriak bestehet, an Private abgesetzt werden dürfe, und die Einfuhr des fremden Theriaks für Private in jeder Menge, und ohne Ausnahme zu verbieten sey.“ Als Erfinder des Theriaks – der Name soll im Altgriechischen soviel wie „wildes Tier“ bedeuten – gilt der König von Pontus, der Giftspezialist Mithridates VI. Eupator (132–63 v. Chr.), der aus Angst vor Giftmördern gemeinsam mit seinem Leibarzt ein Antidot gegen alle Arten von Vergiftungen herstellen wollte.

Angst vor Giftmördern

Als Versuchskaninchen setzte er dabei Sklaven und Verbrecher ein. Das Mithridaticum, so nannte man das von ihm gemischte Medikament, nahm der König regelmäßig als universelles Gegengift ein. Getötet wurde er schließlich auf Geheiß seines Sohnes bei einem Staatsstreich – mit dem Dolch. Unter den verschiedensten Rezepturen dieser Mithridatica wurde das verbesserte Rezept des Andromachus, Leibarzt Kaiser Neros in Rom, das berühmteste. Es bestand bereits aus 54 Substanzen. Unter dem Namen „Theriak des Andromachus“ entwickelte sich der Trank zum gebräuchlichsten und wertvollsten Medikament und Gegengift von der Antike bis ins 19. Jahrhundert; ein Wunder- und Allheilmittel gegen alle Krankheiten. Es gab praktisch kein Wehwehchen, gegen das Theriak nicht verschrieben wurde: Von Zahnschmerzen, Knochenbrüchen und Sehschwäche über Syphilis bis zur Pest reichte die Liste der Indikationen. Dass sich jeder nach der Einnahme des Theriaks wohl fühlte, ist nicht weiter verwunderlich: Neben einer Unzahl von zumeist pflanzlichen Drogen – in manchen Rezepten bis zu 300 verschiedene: Vipernfleisch, zerstoßene Eidechsen, Entenblut, Gewürze, Wein und Honig – enthielt Theriak als vermutlich wirksamste Substanz meist auch große Mengen Opium.

Kultische Verehrung für Produkte aus Venedig

Lange Zeit war Venedig das wichtigste Zentrum der Theriakproduktion. Venezianischer Theriak galt jahrhundertelang als das beste Produkt am Markt und genoss geradezu kultische Verehrung. Die Produktion und der Handel mit diesem kostbaren Medikament trug nicht unwesentlich zum Reichtum der Serenissima bei. Da Theriak, der bei der Bevölkerung als Allheilmittel galt, für viele unerschwinglich war, konnten Kurpfuscher und hausierende Theriakhändler mit minderwertigen Produkten gute Geschäfte machen.

Heute ohne Vipernfleisch

Um Fälschungen zu verhüten und die Qualität sicherzustellen, wurde der Theriak in vielen Städten nach strengen Regeln und unter behördlicher und ärztlicher Aufsicht öffentlich hergestellt. Dann wurde alljährlich im Frühjahr im Beisein von Ratsherren, Ärzten und vereidigten Apothekern die auch „Himmelsarznei“ genannte Mixtur angesetzt und in prunkvolle Standgefäße aus Porzellan gefüllt. Die medizinische Bedeutung dieses unglaublich kompliziert zusammengesetzten Arzneimittels sank erst am Ende des 18. Jahrhunderts. Heute findet man Theriak als „Electuarium Theriaca sine opio“, ohne Vipernfleisch und Entenblut, dafür aber mit Alkohol, als Ingredienz verschiedener Schwedenbitter.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 20/2006

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