zur Navigation zum Inhalt
 
9. Mai 2006

Ein haariger „Stein wider alles Gifft“ (Narrenturm 54)

Was für einen modernen Arzt die Diagnose eines unverdaulichen Klumpens darstellt, war für die frühen Medici bis ins 18. Jahrhundert hinein ein unglaublich wertvolles und teures Arzneimittel. Der Bezoar wurde in zerriebener Form in Wein getrunken oder teuren Arzneizubereitungen zugesetzt und in äußerst wertvollen Fassungen als Amulett getragen.

Nicht nur als „Stein wider alles Gifft“, sondern auch gegen Seuchen und jedes nur erdenkliche Unheil sollte der Bezoar schützen. Diese mit Gold und Edelsteinen besetzten Magensteine waren auch beliebte diplomatische Geschenke, die bei Festbanketten als Tafelschmuck und nebst anderen giftanzeigenden Zaubermitteln als Schutz des Herrschers vor Ungemach in seiner Nähe aufgestellt waren. Der klassische Bezoar ist ein meist kugelförmiges, steinähnliches Gebilde, das sich im Magen vieler Tiere, besonders aber bei Wiederkäuern findet. Den sehr teuren „Bezoar orientalis“ lieferte die in Indien und Persien beheimatete Bezoarziege, der etwas wohlfeilere „occidentale Bezoar“ kam von Kamelziegen. Der Gebrauch dieser heilenden Steine kam erst im 12. Jahrhundert durch die arabische Medizin nach Europa. Der Name „Bezoar“ soll sich vom persischen „Padzahr“ oder vom hebräischen „Beluzaar“ ableiten. Beides bedeutet Gegengift oder Gegenmittel. Man glaubte, dass die kalk- und phospatreiche Kugel aus verschluckten Haaren und Harzen Gifte binden und damit unschädlich machen könne. Angeblich erhielt Karl IX., König von Frankreich von 1560–1574, einst einen besonders großen und schönen Bezoar als Geschenk. An seine Wirksamkeit als Gegengift wollte der Herrscher allerdings nicht recht glauben. Er „begnadigte“ einen zum Tode Verurteilten zu einem Versuch: Der Delinquent sollte Gift schlucken und danach die sagenhafte Wirkung des Bezoars testen. Überraschenderweise verstarb die Testperson trotz des Wundermittels unter starken Schmerzen. Ungeachtet dieses nicht gerade überzeugenden Wirkungsnachweises, empfahlen und verabreichten auch durchaus seriöse Ärzte das sagenhafte Geheimmittel mit den okkulten Eigenschaften noch bis ins 18. Jahrhundert. Und zwar nicht nur als universelles Antidot, sondern neben zahlreichen anderen Indikationen auch gegen böses Fieber, Unfruchtbarkeit und schwere Geburt. Der Bezoar sollte sowohl harn- als auch schweißtreibend wirken und auf diese Weise Gifte aus dem Körper leiten. Schweißtreibende Arzneien nannte man generell Bezoardica. Künstlich hergestellte Bezoare, so genannte „man made Bezoare“, werden auch heute noch in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. In der modernen naturwissenschaftlichen Medizin ist der Begriff Bezoar aber kaum mehr mit magischen Kräften verknüpft und weit weniger okkult, geheimnisvoll und sagenhaft. Zumeist ist er ganz einfach mechanisch zu erklären: ein Knäuel aus unverdaulichem Material im Magen, Dünndarm oder Dickdarm. Bei entsprechender Größe des „Knödels“ kommt es unweigerlich zum Ileus. Gar nicht so selten sind Darmverschlüsse durch schlecht gekaute pflanzliche Fasern, die Phytobezoare. Praktisch jeder Chirurg hat schon einmal einen so genannten Orangen-Ileus gesehen und zumeist auch erfolgreich operiert. Beim Menschen weitaus seltener sind Bezoare, die durch Schlucken von Haaren entstehen. Diese Trichobezoare finden sich manchmal bei jungen Mädchen, die ihre Zöpfe regelmäßig abkauen, meist aber bei psychiatrisch auffälligen Patienten, die sich ihre Kopfhaare ausreißen und schlucken, oder etwa gleich ganze Rosshaarmatratzen verspeisen. Ein zum Glück sehr, sehr seltenes Syndrom, meist extrem schwer zu diagnostizieren, weil hier verschiedene gastrointestinale Erkrankungen imitiert werden, ist das „Rapunzel-Syndrom“. Ein Syndrom – für gewöhnlich kombiniert mit einer psychiatrischen Erkrankung – mit einem recht witzigen Namen, aber alles andere als lustig: ein großer Trichobezoar des Magens mit einem langen Haarzopf als Ausläufer. Dieser Zopf kann weit in den Dünndarm und manchmal sogar bis ins Kolon reichen. Auf Grund der großen Ausdehnung kann dieser „Rapunzel-Zopf“ endoskopisch nicht mehr angegangen werden. Hier ist nur mehr eine meist recht komplizierte operative Entfernung möglich. Im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm findet der interessierte Besucher beides: sowohl die wegen ihrer Größe ebenfalls sagenhaften und fast unglaublichen, pathologischen Trichobezoare des menschlichen Magens als auch die rätselhaften „Giftsteine“ mit ihren mystischen und okkulten Eigenschaften.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 19/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben