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9. Mai 2006

Verregnete Nächte, Donnerwetter am Morgen

Wenn über Fünfjährige nachts ins Bett machen, hat das selten psychische Ursachen. Aber die Wirkung auf die Psyche bleibt meist nicht aus.

Schätzungen zufolge sind rund 60.000 über fünfjährige Kinder in Österreich betroffen, doppelt so viele Buben wie Mädchen: Sie machen in der Nacht ins Bett. Was früher so gut wie immer auf psychische Ursachen zurückgeführt wurde, etwa auf eine besonders strenge und lieblose Erziehung oder verborgene Konflikte in der Familie, wird heute als Krankheit gesehen, die großteils genetisch bedingt ist. „War ein Elternteil Bettnässer, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind einnässt, bei 43 Prozent“, erläuterte die Kinderchirurgin Dr. Elisabeth Frigo vom SMZ-Ost beim Pressegespräch „Familienproblem Bettnässen“ Ende März in Wien. Dass untertags schon trockene Kinder nachts das Wasser nicht halten können, liegt meist an einer verzögerten Entwicklung; krankheitswertig ist das Bettnässen laut WHO erst bei über Fünfjährigen, die pro Monat zweimal in der Nacht ins Bett machen. Als Hauptursache dafür wird heute eine verminderte nächtliche Produktion des antidiuretischen Hormons (ADH) Vasopressin angenommen. Es steuert den Wasserhaushalt und das Durstempfinden und bewirkt, dass sich die Blase nachts weniger füllt. Bei Säuglingen und Kleinkindern wird von den Nieren über 24 Stunden eine gleichmäßige Harnmenge produziert, später wird in der Nacht weniger, aber konzentrierterer Harn ausgeschieden. Bei manchen Kindern dauert dieser Entwicklungsprozess etwas länger. Zwar ist die Besserungsrate hoch, doch „Bettnässen ist für Kinder und deren Familien eine große emotionale Belastung“, wie die Psychologin Mag. Beate Handler sagte. Dieser Druck äußert sich in Gefühlen der Hilflosigkeit, des Ärgers, der Scham oder Schuld, die „mehr und mehr den Familienalltag bestimmen“. Eine Verhaltenstherapie mit suggestiven Techniken, Weckplänen oder Blasentraining kann hilfreich sein. Freilich sollte, wenn über Fünfjährige nachts nicht trocken sind, zuerst einmal eine medizinische Abklärung erfolgen, um organische Ursachen für die Enuresis auszuschließen, die einer entsprechenden Behandlung bedürfen. Auf eine medikamentöse Therapie mit Desmopressin, einem Strukturanalogon von Vasopressin, sprechen laut Frigo 75 Prozent der Kinder an. Wegen der möglichen Nebenwirkung einer Wasserretention mit Hyponaträmie sollte die Indikation jedoch streng gestellt werden und „die Trinkmenge über den Tag verteilt und nicht hauptsächlich am Abend gegeben werden“, wie Frigo betonte.

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