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4. Mai 2006

Placebo forte – mehr als Voodoo

Der Placeboeffekt in der Schmerztherapie ist kein Messfehler, sondern beruht auf einer nachweisbaren endogenen Schmerzhemmung. Placebo- und Opiatanalgesie teilen gemeinsame Funktionen. Aber auch im periaquäduktalen Grau, einer Struktur des Mittelhirns, dürften Erklärungen der rätselhaften Placebowirkung zu finden sein.

„Die Mindestanforderung an ein Analgetikum in klinischen Studien lautet, besser als Placebo zu sein. Doch wie sind die Effekte in den Placebogruppen beim Schmerz erklärbar? Gibt es neurophysiologische Korrelate?“, diese Fragen stellte Prof. Jürgen Sandkühler vom Institut für Neurophysiologie und Hirnforschung der Medizinuniversität Wien im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie Mitte März in Wien. Der Neurophysiologe ist dem Geheimnis des Placeboeffekts auf der Spur. Bei Versuchstieren zeigte sich eine zirkadiane Rhythmik von Reflexantworten, das heißt, sie reagieren auf dieselben Reize nicht zu jeder Zeit gleich. Werden Verbindungen zwischen Rückenmark und Gehirn der Tiere unterbrochen, zeigen sie immer gleiche Reaktionen. Sandkühler: „Auch unsere Schmerzempfindlichkeit ist neben tageszeitlichen Rhythmen durch Triggerfaktoren wie Stress oder körperliche Belastung geprägt.“

Angepasste Schmerzwahrnehmung

Die akute Wahrnehmung von Schmerzen auf Ebene der Rezeptoren und im Rückenmark wird als stets gleichförmig angenommen. Im Gehirn und auf dem Weg dorthin tritt eine Modulation der Signale auf. „Dabei spielen absteigende Bahnen des periaquäduktalen Graus im Mittelhirn eine entscheidende Rolle. Sie stellen das normale Maß an Schmerzempfindlichkeit für uns ein und sind der natürliche Gegenspieler der zum Gehirn aufsteigenden Schmerzbahnen. Es konnte gezeigt werden, dass die Gabe von Placebo diese Bahnen aktiviert. Auch die Schmerzareale der Hirnrinde sind unter Placebo weniger aktiv“, berichtete Sandkühler.

Placebo versus Morphin

Eine Gegenüberstellung der Opioidanalgesie mit Placebo erscheint auf den ersten Blick vermessen. Doch Sandkühler relativiert: „Die Placebowirkung und Opiate haben zumindest gemeinsame Funktionen. Überlappende Mechanismen und gemeinsam aktivierte Hirnareale sind nachgewiesen. Die Tatsache, dass der Placeboeffekt durch den Opioidantagonisten Naloxon aufgehoben werden kann, untermauert diesen Zusammenhang besonders. Mit der Erforschung des Placeboeffekts soll keine Lanze für unwirksame Therapien gebrochen werden. Aber: der Placeboeffekt ist real. Mit ihm alleine zufrieden geben dürfen wir uns jedoch nicht.“

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 16/2004

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