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25. April 2006

Seltener Hauttumor wird zum Stigma (Narrenturm 53)

1872 beschrieb der Dermatologe Moritz Kaposi als Erster das „idiopathische multiple Pigmentsarkom“, das später nach ihm benannt wurde. Kaposi war es auch, der 1889 den Aufbau einer Moulagierwerkstatt im Wiener Allgemeinen Krankenhaus veranlasste. Schon bald gingen die dort gefertigten Moulagen als Unterrichts­material um die ganze Welt.

Zur Zeit Moritz Kaposis (1837–1902) war Wien ein Zentrum der Dermatologie. Neben seinem Schwiegervater Ferdinand Ritter von Hebra (1816–1880), dem Begründer der modernen Dermatologie im deutschen Sprachraum, dessen Nachfolger er 1881 als Vorstand der 1. Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten wurde, gilt Kaposi auch heute noch als einer der großen Pioniere des Faches und wichtigsten Erforscher der histologisch-anatomischen Basis der Dermatologie. Kaposi beobachtete „sein“ Sarkom jedoch recht selten, insgesamt bloß etwa fünfmal. „Sein“ Sarkom deswegen, weil Kaposi die Eigenart hatte, seinen Erstbeschreibungen zunächst einmal stolz das Wörtchen „mihi“ anzuhängen. Offiziell erhielt der bösartige Tumor aber erst 1912 den Namen Kaposi-Sarkom.

Langsames Wachstum

Das auch heute noch seltene „klassische“ Sarkom betrifft vor allem ältere Männer, ist meist auf die Beine beschränkt, wächst nur langsam und setzt sehr selten Metastasen in anderen Organen. In der Regel kann diese Form lokal chirurgisch oder strahlentherapeutisch gut beherrscht werden. Das Interesse der gesamten medizinischen Welt erregte das Kaposi-Sarkom erstmals 1949, als in Zentralafrika ein endemisches Vorkommen dieses, jetzt bereits deutlich aggressiveren, Tumors mit rascher Organbeteiligung beobachtet wurde. Monographien und Symposien beschäftigten sich daraufhin mit der Suche nach den Ursachen dieser schrecklichen, aber immer noch recht seltenen Krankheit. Die weitaus häufigste und bösartigste Variante trat erstmals 1981 bei jungen homosexuellen Männern an der Ostküste der USA auf: Die mit dem HI-Virus gekoppelte, epidemische, besonders aggressive, meist rasch tödlich verlaufende Form des Kaposi-Sarkoms, deren Häufigkeit um den Faktor 20.000 anstieg, war letztendlich für die weltweite traurige Publicity des Namens Kaposi verantwortlich. 1982 benannte das Center for Desease Control (CDC) im US-amerikanischen Atlanta die durch das HI-Virus verursachte Immunschwächekrankheit Aids. Die markanten Hauterscheinungen des Kaposi-Sarkoms wurden auch in Printmedien und Film eingesetzt, um Aids dramatisch darzustellen. Das Kaposi-Sarkom wurde zum Stigma.

Aids-definierende Erkrankung

1994 entdeckte dann das Ehepaar Yuan Chang und Patrick Moore an der Columbia Universität in New York das Humane Herpes-Virus 8 (HHV-8), auch Kaposi-Sarkom-Herpes-Virus (KSHV) genannt, in den Knoten des Kaposi-Sarkoms. Dieses Virus, das in fast allen Kaposi-Sarkomen nachweisbar ist, gekoppelt mit einer schwer wiegenden Störung des Immunsystems, ist entscheidend bei der Entstehung des Sarkoms. Bei HIV-Infizierten gilt das Auftreten eines Kaposi-Sarkoms als Aids-definierende Erkrankung. Zwar tritt unter der so genannten „high active antiretroviral therapy“ (HAART) das HIV-assoziierte Kaposi-Sarkom heute deutlich seltener auf. Doch HIV tötet weltweit gegenwärtig dennoch mehr Menschen und verbreitet sich schneller als jemals zuvor. Die Moulage des Kaposi-Sarkoms im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm stammt aus der Zeit seines Erstbeschreibers. Kaposi war es, der 1889 zu Unterrichtszwecken den Aufbau einer Moulagierwerkstatt im Allgemeinen Krankenhaus veranlasste. Mit der Leitung beauftragte er den Arzt und Künstler Carl Henning (1860–1917). Schon beim Dermatologenkongress in Wien 1892 erregte Henning mit seinen medizinisch, technisch und künstlerisch vollendeten Moulagen Aufsehen. Hennings Können als Bildhauer, Maler und Dermatologe machten sein „Atelier für Moulagen“ im 8. Hof des Allgemeinen Krankenhauses weltweit berühmt. Die Moulagen aus seiner Werkstatt gingen als Unterrichtsmaterial in die ganze Welt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 17/2006

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