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20. April 2006

Die „Biddenden Maids“ (Narrenturm 52)

Inmitten tausender spektakulärer medizinhistorischer Präparate und Objekte im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm finden sich zwei auf den ersten Blick recht unspektakuläre Kekse. Sie stammen aus Südengland und werden dort jedes Jahr zu Ostern an die Armen verteilt.

Die beiden im Narrenturm ausgestellten Kekse mit der auffälligen Prägung erinnern an eine interessante Geschichte: jene der Geschwister Elisabeth und Mary Chulkhurst, die im 12. Jahrhundert in England lebten. Geboren wurden die Zwillingsschwestern Chulkhurst einer lokalen Legende nach im Jahr 1100 in Biddenden, einem Dorf in der Grafschaft Kent im Süden Englands. Auf den Keksen sind die Schwestern an den Hüften und Schultern verwachsen dargestellt. Das Geschwisterpaar gehört vermutlich zu den ältesten dokumentierten symmetrischen Doppelbildungen.

Heute bezeichnet man diese Doppelbildung umgangssprachlich, aber auch in der Fachliteratur nach den berühmtesten und bekanntesten zusammengewachsenen Menschen als „siamesische Zwillinge“. Wissenschaftlich nennt man Doppelbildungen, die im Bereich des Beckens oder Steiß miteinander verwachsen sind, Pygopagen. Die Verbindung – oder die mangelhafte Trennung – kann in der horizontalen und in der vertikalen Symmetrieachse erfolgen. Bei den Gemini conjuncti, den siamesischen Zwillingen, trennt sich der Embryoplast im späten Entwicklungsstadium nur unvollständig.

Unklare Ursachen

Die Ursache dieser Fehlbildungen ist auch heute noch weitgehend unklar. Selbst in den USA kommen heutzutage noch immer etwa 50 siamesische Zwillinge pro Jahr auf die Welt. Nur etwa ein Viertel überlebt allerdings die ersten 24 Stunden. Doppelföten werden heute durch routinemäßige Ultraschalluntersuchungen zumeist frühzeitig entdeckt und abgetrieben. Die operative Trennung von Doppelbildungen ist noch immer – vor allem, wenn sich die Zwillinge lebenswichtige Organe teilen – extrem riskant und eine Herausforderung der besonderen Art an das Anästhesie- und Operationsteam. Mit 68 Prozent Erfolgsrate bei der operativen Trennung und insgesamt ganz gutem Outcome scheint der Pygopagus unter den Gemini conjuncti noch ganz gute Chancen zu haben. Die Biddenden Maids, wie die Geschwister Chulkhurst genannt wurden, waren wahrscheinlich Pygopagi.

Gemeinsam gekommen – gemeinsam gegangen

Die üblichen Darstellungen der Geschwister mit nur zwei Armen und der zusätzlichen Verwachsung im Schulterbereich sind möglicherweise nicht ganz richtig. Elisa und Mary sollen angeblich jede zwei Arme besessen haben. Der Eindruck der verwachsenen Schultern entstand möglicherweise, weil sie – wie es auch die heute berühmtesten siamesischen Zwillinge Chan und Eng Bunker (nach denen diese Doppelbildung benannt ist) taten – fast immer einen Arm über die Schulter der anderen gelegt hatten. Die Zwillinge Mary und Eliza starben mit 34 Jahren. Als eine der beiden Schwestern starb, weigerte sich die noch lebende, von ihr getrennt zu werden: „As we came together, we will also go together“, soll sie gesagt haben. Bei den chirurgischen Möglichkeiten im Jahr 1134 gewiss ein sehr weiser Entschluss. Sie starb dann ein paar Stunden später. Von der wohlhabenden Chulkhurst-Familie erbte nach dem Tod der Schwestern die lokale Kirche 20 Morgen Land (etwa 81.000 Quadratmeter) mit der Auflage, den Ertrag zur Unterstützung der Armen und Alten zu verwenden. Diese „Bred and Cheese Charity“ wurde allerdings erst im Jahr 1665 in Gerichtsakten erstmals erwähnt. Zur Erinnerung an diese wohltätige Stiftung - die noch immer existiert - werden auch heute noch an jedem Ostersonntag zwei Stück Kekse, geprägt mit einem einfachen Bild der zusammengewachsenen Zwillingsschwestern, an die Besucher der Stadt und zusätzlich Brot, Käse und Tee an die Armen verteilt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 16/2006

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