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11. April 2006

Das Tollhaus zu Wien (Narrenturm 51)

Am 19. April 1784, genau vor 222 Jahren – Narrenturm-Numerologen halten dieses Datum sicher für eine geheimnisvolle Chiffre – bei Neumond und zeitig in der Früh, bezogen erstmals „Wahnwitzige“ aus verschiedenen Spitälern Wiens die Zellen im neu errichteten Tollhaus im Allgemeinen Krankenhaus in Wien.

Kaiser Josef II. hatte Mitte April 1784 höchstpersönlich und überdies mit beträchtlicher Detailkenntnis in einem Handschreiben genauestens festgelegt, wo, wie und mit welchen „Wahnwitzigen“ der Turm im Wiener Allgemeinen Krankenhaus zu belegen sei. Die Vorliebe Josefs II. für dieses Bauwerk ist mittlerweile legendär. Das Motiv für das ziemlich überraschende Interesse des Kaisers am Turm wird heftig diskutiert. Zur Auswahl stehen: der Turm als alchemistisches „Opus magnum“, Astronomie, metaphysische Astrologie, mysteriöse Numerologie oder vielleicht doch einfach die Aussicht vom Dach des Turms auf das vom Kaiser zum „Heil und Trost“ der Kranken geschaffene Hauptspital, auf das Josef wahrscheinlich sehr stolz war. Welche Beweggründe der Kaiser auch immer hatte: Der Narrenturm war jedenfalls das erste Spezialinstitut nur für Geisteskranke in Europa, der Beginn einer humanitären Irrenpflege in Wien. Der Anfang einer medizinisch begründeten Psychiatrie ist schwer festzumachen.

Wahnsinn als Strafe Gottes

Jahrtausende lang sah man Götter, böse Geister, Teufel und Dämonen als die Urheber von ungewöhnlichem menschlichen Verhalten, Geistesstörungen und Wahnsinn. Obwohl es seit Hippokrates immer wieder Beschreibungen psychisch kranker Menschen gab und auch vereinzelt Therapievorschläge gemacht wurden, befassten sich Ärzte kaum mit den Wahnsinnigen. Da es sich ja um Besessenheit oder eine Strafe Gottes handelte, waren Schamanen, Theologen, Exorzisten, Hexenmeister und andere Teufelsaustreiber für sie zuständig. Tausende hilflose Geisteskranke, deren Wahnsinn durch die segensbringenden Daumenschrauben der heiligen Inquisition vermutlich noch dramatisch verstärkt wurde, endeten im Mittelalter so auf dem Scheiterhaufen.

Sündhaftes Leben als Ursache

Hätten sich Ärzte mit diesen Irren befasst, wäre es wohl kaum anders ausgegangen. Auch durchaus naturwissenschaftlich gebildete Doktoren glaubten damals fest an den dämonischen oder teuflischen Ursprung von Geisteskrankheiten. Nur allmählich verminderte sich die Vorstellung vom schlechten Einfluss böser Geister, sündhaften Lebens, Verdorbenheit und Verbrechens auf die Psyche. Erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert begann in Europa so etwas wie eine wissenschaftliche Psychiatrie. Die Betreuung psychisch Kranker blieb aber – durchaus nicht nur in Österreich – bis zum Ende des 18. Jahrhunderts schlichtweg eine Katastrophe. Gemeinsam mit lichtscheuem Gesindel und anderen Galgenvögeln hielt man die „Wahnwitzigen“ angekettet wie Tiere in öffentlich zugänglichen „Narrenkottern“, peitschte sie aus „therapeutischen“ Gründen systematisch aus und setzte sie für Geld der Schaulust des Pöbels aus. Tobsüchtige, gefährliche Irre hielt man auf diese Art jahrzehntelang in Ketten. In Frankreich brachten erst die sozialen Umwälzungen der Französischen Revolution durch Philippe Pinel (1745-1826) die berühmte „Kettenbefreiung“ der Irren. Die begann etwa im Jahr 1793. Allerdings hatte 30 Jahre zuvor in Wien Maximilian Locher, Arzt im St. Marxer Spital, bereits streng verboten, seine geisteskranken Patienten zu schlagen.

Zeichen der Philantropie

Am 19. April 1784 übersiedelten nun die ersten Patienten aus verschiedenen Spitälern Wiens in den Narrenturm. Der Turm wurde allgemein als Zeichen der Philantropie des Kaisers für die „Tollen“ angesehen. Und das war er auch. Betrachtet man aber die kerkerähnlichen Zellen, in denen zumindest die schwersten und „unreinen“ Patienten angekettet auf Stroh ihr Dasein fristen mussten, kann man sich gut vorstellen, um wie vieles grauenvoller die Behandlung der Irren außerhalb des Narrenturmes damals gewesen sein muss. Die bei den Ärzten im Allgemeinen Krankenhaus unbeliebte Betreuung und Behandlung der Patienten im Narrenturm mussten ab 1784 die zwei jüngsten Primarärzte der internistischen Abteilungen übernehmen. Erst 1817 ernannte man erstmals einen zuständigen Primararzt für den Narrenturm. Ein Dr. Eisel und zwei Sekundarärzte hatten sich nun ausschließlich um die Insassen der Irrenanstalt zu kümmern. Im Narrenturm gibt es leider keine „Narrenbehältnisse“ mit der ursprünglichen Einrichtung mehr. Original erhalten sind aber die Zellen und einige der „aus dicken Brettern verfertigten Thüren“, die in der oberen Hälfte ein „kleines Fenster“ haben „mit einem leichten Gitter, welches noch durch Thürchen von starkem Eisenblech und eine darüber gelegte eiserne Klamme verschlossen wird“.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 15/2006

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